Was fällt Ihnen zum und nach dem 11. September ein? Nein, es gab keine der sonst so beliebten und opportunen Schnellschuss-Rundfragen. Nach dem 11.

September, dem von Menschenhand inszenierten Inferno, in dem über 3600 Menschenleben vernichtet wurden, reagierten zuerst und sofort die Menschen.

Dann die Politiker und Politologen, die Denker und Dichter. Der Beitrag der Musik erschöpfte sich bisher in dem schrillen Schrei von Karl-Heinz Stockhausen, der dem Geschehen von New York attestierte, dass es jedes Kunstwerk übertreffe.

Und nun zur bildenden Kunst. Dieses und jenes wurde entdeckt, was auf einmal retrospektiv prophetisch genannt werden konnte. Die Zeitschrift Lettre international aber wandte sich an international renommierte Künstler, und ein paar andere auch, und publiziert nun in der Ausgabe vom 13. Dezember unter dem Titel Kunst und Schock Arbeiten "zu diesem einmaligen und weltweit bisher einzigen Projekt". Man darf hoffen, dass es bei der Singularität von Anlass und Projekt bleibt

Aber lassen wir die ausgerutschte Selbstanzeige beiseite und die Lektüre der Essays ebenso. Schauen wir nur auf die Seiten der Künstler. Baldessari, Baselitz, Haacke, Horn, Immendorff, Kounellis, Pistoletto et cetera - Namen, die von expressiver Malerei bis zu enigmatischer Konzeptkunst reichen. Und was ist zu sehen? Versuche, eine Anfrage zu bedienen, dabei zu sein. In diesem Falle: Angst zu artikulieren, die Anonymität von Aggressor und Opfer ins Bild zu bringen. Hans Haacke, Polit-Konzeptkünstler, bittet uns, die Formen der Twin Towers auf seinem Blatt auszustanzen, wodurch der jeweilig verschiedene Hintergrund der Unterlage hervorkommt. Hat er nicht den New Yorker vom 24. September gesehen, das Titelblatt mit den schwarzen Türmen vor schwarzem Hintergrund? Marina Abramovic zeichnet einen koketten Cartoon, genannt mystery. Hat sie ihre Arbeit von der Venedig-Biennale 1997 vergessen, wo sie auf einem Berg von Knochen saß, die sie singend mit einer Bürste bearbeitete?

Im Fernsehen und in den Zeitungen sehen wir in diesen Tagen Fotos von jungen Frauen, alten Männern und Kindern vor den Ruinen einer Stadt,in zerbombten Häusern, auf der Flucht. Sie gehen an Krücken oder barfuß, tragen ein paar Habseligkeiten oder eine Granate, haben nichts behalten außer ihrem Gesicht, das von einem Turban, einem letzten Stück Tuch gerahmt ist. Es sind schrecklich schöne Zitate der Realität und Menschenbilder, die Rudolf Scharping oder Donald Rumsfeld als Requisiten aus dem Hause Tussaud erscheinen lassen. Es sind, nach den Aufnahmen von Ground Zero, die Bilder, die in den Augen hängen bleiben. Otto Dix hat die Schrecken des Schützengrabenkriegs schrecklich dargestellt, und Guernica ist ein Antikriegsbild von Picasso, auch wenn dieser deutschen Offizieren auf Nachfrage erklärte, dass dieses ihre Arbeit sei. Ground Zero wird Künstler finden, wenn es kein Schnellschuss-Projekt mehr ist. Das war das Terrorattentat auch nicht.