Es gab eine Zeit, da kamen die Opfer in Scharen zum Nationalen Gerichtshof in Spanien es kamen die Geschundenen des paraguayischen Diktators Alfredo Stroessner, es kamen die argentinischen Mütter, die immer noch nach ihren verschleppten Kindern suchen, es kam die guatemaltekische Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchú mit einem dicken Bündel Dokumente über General Ros Montt, es kamen auch jene, die von Kubas Staatschef Fidel Castro verfolgt werden. Sie alle hatten Hoffnung geschöpft. Am Nationalen Gerichtshof von Madrid, hieß es, soll ein Mann sitzen, der furchtlos und entschlossen die Übeltäter dieser Welt verfolgt: Balthasar Garzón Real.

"Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch trösten" - diese Worte mochten Balthasar Garzón durch den Kopf gegangen sein, als ihn die Bittsteller bestürmten. Garzón hatte nämlich Jesu Erlösungsversprechen mit der Muttermilch aufgesogen. Sechs Jahre lang studierte er in einem katholischen Seminar. Priester sollte er werden, einer, zu dem die Menschenkinder mit ihren Sorgen und Leiden kommen konnten wenn er sie auch nicht erlösen konnte, so wollte er die Last von ihren Schultern nehmen.

Balthasar Garzón aber wurde nicht zum Priester geweiht, er ließ sich zum Richter ausbilden. Er tauschte die Bibel gegen das Gesetzbuch. Das Leitmotiv seines Lebens ist wohl dasselbe geblieben: der Wille, die Welt zu verbessern.

Wie anders ließe es sich erklären, dass der junge Mann, der in der ärmlichen Umgebung eines andalusischen Dorfes aufgewachsen war, sich mit allen anlegte, die gemeinhin als unberührbar galten? Mit Drogenbossen, Terroristen, Diktatoren, korrupten Politikern - Menschen, die über dem Gesetz zu stehen glauben.

Damals, als die Opfer aus vielen Erdteilen ihre Klagen an ihn richteten, hatte er gerade einen der ganz dicken Fische an der Angel: General Augusto Pinochet, Diktator Chiles von 1973 bis 1990. Garzón hatte einen internationalen Haftbefehl gegen Pinochet erlassen, der sich gerade in England aufhielt. Scotland Yard setzte den Haftbefehl in die Tat um und stellte den General im Oktober 1998 unter Hausarrest. Garzón wurde dadurch weltbekannt: "Superjuez", Superrichter, Supermann.

So einer muss viel schultern, und er tut es mit gleichbleibender Verve. Im Augenblick hat er sich Silvio Berlusconi aufgeladen, den Ministerpräsidenten Italiens. An Berlusconi hat sich schon fast eine Generation italienischer Richter die Zähne ausgebissen. Seit Jahren beschäftigt der Baulöwe und Medienmogul eine Heerschar von Winkeladvokaten, um Anklagen abzuwehren. Wo das nicht gelingt, ziehen die Anwälte des Cavaliere die Verfahren so lange hinaus, bis die Delikte verjähren. Berlusconi hatte damit bisher Erfolg.

Italiens Untersuchungsrichter hat er durch eine Mischung aus hinhaltendem Widerstand und Aggression ermattet oder eingeschüchtert - das eigene Volk hingegen hat er mit den wildesten Versprechungen auf eine goldene Zukunft für sich gewonnen. Jetzt hat Berlusconi in Italien die Macht. Wer mochte ihm da noch an den Kragen?