"Dieser Richter aus Spanien verfolgt mich", soll Berlusconi nach Angaben der italienischen Zeitung La Stampa bei einem Botschafteressen in Rom gesagt haben. Berlusconi lieferte damit auch relativ unverfroren die Begründung, warum er sich als einziger EU-Regierungschef lange gegen die neue, europäisch abgestimmte Terrorgesetzgebung sträubte. Denn auf der Liste des neuen Gesetzes stehen Delikte wie Geldwäsche, Betrug, Korruption - in diesen Dingen ermittelt Garzón gegen Berlusconi.

Er wirft ihm Steuerhinterziehung vor, Veruntreuung in Höhe von umgerechnet 59 Millionen Mark, Urkundenfälschung in sechs Fällen, geschehen in den Jahren 1990 bis 1993. Damals wollte er mit seinem Medienimperium in Spanien Fuß fassen und beteiligte sich am privaten Fernsehsender Tele 5.

Einmal, Mitte der neunziger Jahre, musste Berlusconi in Garzóns Büro kommen, um in dieser Angelegenheit Rede und Antwort zu stehen. Die Begegnung der beiden gäbe viel Stoff her, selbst für mittelmäßige Drehbuchschreiber von Hollywood-Dramen. Ein Duell hätte sich konstruieren lassen zwischen Gut und Böse, ein erbitterter, verbissener Kampf, ausgetragen in einem Büro, das, von Panzerglas und Gitterstäben geschützt, eine ideale, bedrückende Kulisse bildete.

Wahrscheinlich ist es viel schlichter zugegangen, bürokratischer und langweiliger. Aber was wirklich geschah, reicht in den meisten Fällen nicht aus, um den Richter Garzón zu beschreiben. Zum Verständnis seiner Berühmtheit muss man die Mechanismen der medialen Mythenbildung hinzuziehen. Garzón selbst weiß um die Macht der Bilder, und er versteht, wie man sich ihrer bedienen muss. Dieses Wissen teilt er mit dem Medienzampano Berlusconi.

Bereits die erste Aktion, die Garzón international bekannt machte, war nicht zu trennen von ihrer Inszenierung. Mit zwölf Hubschraubern und einem großen Aufgebot Polizei ließ er 1990 achtzehn Rauschgiftbosse in Galizien verhaften.

Die Operation trug den filmträchtigen Titel: "Operación Mago". Garzón war selbstverständlich mit von der Partie, schlagzeilengemäß. Damals war er gerade 35 Jahre alt und erst seit zwei Jahren Untersuchungsrichter an der Audiencia Nacional, dem Gericht, das für die Ahndung von Verbrechen wie Terrorismus, Drogen- und Wirtschaftskriminalität geschaffen worden war. Nach "Operación Mago" folgten immer wieder Aktionen, die Garzón in Spaniens Abendnachrichten spielend einen Auftritt verschafften: Breitbeinig steht er an Deck eines Kutters, in dem er Kokain vermutet, und verhört den Waffenschieber Al Kassar höchstselbst wohnt er der Verhaftung eines Eta-Kommandos bei im Morgengrauen verlässt eine dunkle Limousine das Gerichtsgebäude: Garzón holt zum nächsten vernichtenden Schlag gegen das allgegenwärtige Verbrechen aus.

Die Medien sind der Wegbegleiter des Richters, sie sind seine Trompeten und seine Pauken - seinen Erfolg und seine Popularität allein erklären sie aber nicht. Dazu braucht es Talent, und darüber verfügt Garzón reichlich. Selbst seine härtesten Gegner gestehen ein, dass er ein "hervorragender Jurist" sei, ein Mann mit scharfem Intellekt, Ordnungssinn und enormem Arbeitseifer.