"Krankhafte Geltungssucht", sagen die Kritiker, sei aber sein markantestes Merkmal.

Eitelkeit ist freilich eine lässliche Sünde für einen Mann, der mit seinem Haftbefehl gegen Pinochet für immer den Glauben zerstört hat, Diktatoren seien unantastbar. Die Frage ist nur, ob diese Eitelkeit so stark ist, dass sie Garzóns Arbeit nicht nur bestimmt, sondern mitunter in eine falsche Richtung treibt. Spaniens Sozialisten jedenfalls würden behaupten, dass Garzón aus Rache Felipe González und eine ganze Reihe prominenter sozialistischer Parteigenossen verfolgt hat.

Die Geschichte zwischen Garzón und González lässt sich gut als die einer enttäuschten Liebe beschreiben. 1993 setzte der damalige Ministerpräsident González Garzón auf Platz zwei der Madrider Liste. Die von Korruptionsskandalen geschüttelte Partei konnte die Wahlen noch einmal gewinnen - auch dank Garzón. Der Lohn dafür fiel jedoch geringer aus, als Garzón offensichtlich erwartet hatte: Er bekam nicht das Innenministerium, sondern nur den Posten eines Staatssekretärs mit Sonderkompetenzen für den Kampf gegen Korruption. Nach einem Jahr verließ Garzón enttäuscht das Amt und die Politik.

Garzón hat eine Mission, Berlusconi auch Danach begann er einen juristischen Feldzug gegen die Sozialisten. Es gelang ihm 1998, den ehemaligen Innenminister José Barrionuevo hinter Gitter zu bringen, der mit staatsterroristischen Methoden gegen die Eta vorgegangen war. Garzóns Ziel aber war der Übervater der spanischen Sozialisten: Felipe González. Er wollte den Nachweis erbringen, dass González selbst der Kopf der Antiterroristischen Befreiungsgruppen (GAL) war. Diese Todesschwadronen hatten in den achtziger Jahren 28 Menschen aus dem Umfeld der baskischen Terrororganisation Eta umgebracht. Garzón jedoch scheiterte mit dem Vorhaben - an González kam er nie heran.

Pinochet, González, Berlusconi - was für eine Karriere!, möchte man sagen, wenn sie denn schon zu Ende wäre. Aber sie könnte gerade jetzt ihrem Höhepunkt zustreben. Wenn es Garzón nämlich gelingt, Berlusconi vor Gericht zu bringen, würde er wohl eine Krise europäischen Ausmaßes auslösen. So weit freilich ist es nicht.

Aber der Moment ist gekommen, sich ein erneutes Zusammentreffen der beiden Kontrahenten vorzustellen. Es lässt sich leicht ausmalen, wie sie einander gegenübersitzen. Berlusconi würde seinen bekannten charmanten Ton anschlagen: "Wissen Sie, ich habe diese Biografie von Ihnen gesehen. Ihr junges Leben füllt 600 Seiten. Erstaunlich! Ich habe sie nicht gelesen, dazu fehlt mir die Zeit, aber der Anhang mit den Fotos hat mich interessiert. Sie als Stierkämpfer, als Höhlenkletterer, als Flamencotänzer, Sie mit Kofi Annan, Sie mit Felipe González!"

Garzón würde etwas verdutzt unterbrechen: "Was wollen Sie damit sagen?"