Michael Thalheimer bekommt viel Post ins Theater, Briefe von Zuschauern.

Teils sind sie euphorisch und dankbar. Teils geißeln sie verschwendete Steuergelder, miesepetrige Zivilisationskritik oder die so laute Musik.

Auch Morddrohungen sind dabei.

Meistens schreiben Frauen, und die heftigsten Reaktionen löst Liliom am Hamburger Thalia Theater aus. Gut, da gibt es eine Szene, in der sich der Titelheld ein Messer in den Leib rammt und minutenlang stirbt, da gibt es unendlich langes Schweigen und eine Liebesszene, in der das Mädchen Julie sich den Samen ihres Lilioms zwischen die Beine schmiert, weil sie anders nicht zueinander kommen können. Thalheimers suggestive Bilder begleiten einen auch dann noch, wenn man das Theater längst verlassen hat. Aber deswegen Morddrohungen?

Woher kommt diese Heftigkeit, was löst sie aus? Sind es die Stilmittel der Popkultur, die der Regisseur so wirkungsvoll einsetzt? Das machen fast alle seiner Generation, das kann es nicht sein. Wie also kann einer noch derart provozieren, da man doch im Theater bereits alles gesehen zu haben meint?

Thalheimer und sein Bühnenbilder Olaf Altmann stehen an der Bar des Theaters Divadlo Archa in Prag und wärmen sich mit Wodka. Als altes Ehepaar werden die beiden 36-Jährigen oft beschrieben. Sie denken das Gleiche, wollen das Gleiche, und gelegentlich beendet einer die Sätze des anderen. An diesem Abend wirken die Eheleute wie zwei Cowboys. Zwei lonely rider gegen den Rest der Welt.

Im Divadlo Archa wird Thalheimers Dresdner Inszenierung Das Fest - eine Adaption des Filmes von Thomas Vinterberg - gezeigt. Schon seit Wochen sind die Karten ausverkauft, im Foyer mischen sich deutsche und österreichische Geschäftsleute und Diplomaten mit der tschechischen Kulturelite. Gastgeber ist das Prager Festival Deutscher Sprache, das es sich unter der Obhut des Schriftstellers Pavel Kohout zur Aufgabe gemacht hat, jedes Jahr die interessantesten deutschsprachigen Aufführungen in die tschechische Hauptstadt zu holen.