Diese Geschichte ist eine Geschichte vom Töten, also gibt es keinen Anfang und kein Ende. Aber wenn diese Geschichte an einem bestimmten Punkt beginnen soll, dann vielleicht am Morgen des 5. Oktober 2001, als der 26 Jahre alte Palästinenser Nidal Mohammad Qafisheh vor seinem Haus in Hebron binnen weniger Sekunden Kopf und Arme verliert. Er trägt einen Pyjama, als er stirbt.

Die Rakete, die ihn zerfetzt, wurde abgefeuert aus einem israelischen Hubschrauber, der sich in enger werdenden Kreisen an sein Haus herangetastet hatte. Vermutlich war es das Dröhnen der Rotorblätter, das Qafisheh aus dem Bett und vors Haus getrieben hat. Der abgerissene Kopf kullert noch einige Meter, bevor er liegen bleibt. Mit Qafisheh sterben an diesem Morgen vier weitere Männer, 22 bis 43 Jahre alt. Die Getöteten trugen Zivil, was die Vermutung nahe legt, die Toten seien Zivilisten gewesen. Die israelische Armee aber erklärt später, zumindest zwei der Toten hätten zuvor auf dem Platz vor der Ma'arat Machpala, der Grabstätte des jüdischen Patriarchen in Hebron, auf jüdische Männer, Frauen und Kinder geschossen. Am Abend vor seinem Tod hatte Qafisheh selber noch dem Reporter amüsiert erzählt, "dass die Juden wie aufgescheuchte Hasen über den Platz gejagt wurden". Jetzt liegt seine Leiche in einer Blutlache. Ein Torso in einem Pyjama.

Einige Stunden vergehen, dann wälzt sich ein schier endloser Menschenstrom zum Friedhof. Der Imam hat den Tod der fünf zu einer Ästhetik des Sterbens stilisiert, erst leise, beschwörend, dann lauter, am Ende dröhnend: "Nun ist endlich die Zeit gekommen, den Juden die eine, die richtige Antwort zu geben." Der Vorbeter beschwört "die Schar unserer jungen Löwen, die bereit sind, in das Herz des Feindes vorzudringen, nach Tel Aviv, nach Haifa, nach Jerusalem. Kämpft und sterbt im Namen Allahs - gepriesen sei sein Name." Dann zitiert er den Heiligen Koran: "Warum wollt ihr denn nicht um Gottes willen und der Unterdrückten willen kämpfen, jener Männer, Frauen und Kinder willen, die sagen: Herr! Schaff uns deinerseits einen Freund und Helfer. Diejenigen, die gläubig sind, kämpfen um Gottes willen, diejenigen die ungläubig sind, um der Götzen willen." Er schließt mit dem Aufruf: "Kämpft nun gegen die Freunde des Satans. Itbach el Yahud! - Tötet alle Juden!" Der Schlachtruf hallt durch die Moschee, wird durch die Lautsprecher ins Hysterische getrieben, und durch die Mittagshitze ziehen viele tausend Menschen, Kinder, Greise, Halbwüchsige, Familienväter, hinauf zum Friedhof, gelb und grün und schwarz die Flaggen, die Farben von Jassir Arafats Fatah-Jugend, von Hamas und Dschihad el Islami.

Sie schießen aus Maschinenpistolen in den Himmel, ein letzter Gruß, für eine Leiche im Pyjama.

Dann kommen die schwarzen Blöcke, fünf insgesamt, mit jeweils vierzig Männern, jung und durchtrainiert, um die Stirn das grüne Band des Propheten und vor der Brust Kalaschnikows über gekreuzten Patronengurten. Sie tragen die auf Leichenbahren gebetteten Toten. Die erste Reihe leert die Magazine der Kalaschnikows, lädt nach, dann stürmen alle Blöcke los wie auf Befehl, die Oberkörper ruckartig tänzelnd, während die Leichenträger die Bahren emporstoßen. Ein Toter im Pyjama wippt seinem Grab entgegen.

Hebron stöhnt nicht unter der Diktatur des Tötens - Hebron blüht darunter auf. Hebron war schon immer eine Stadt der Frommen gewesen, folglich kontrolliert die Terrororganisation Hamas den palästinensischen Teil der Stadt. Gott ist in Hebron das am meisten mit Blut besudelte Wort.

Zwei Tage später auf dem Weg zur Al-Sharyjeh-Schule, einer Einrichtung von Hamas, finanziert aus Saudi-Arabien und dem Iran. An Hauswänden hängen die Bilder junger Männer, vergilbte Bilder und ganz neue. Märtyrer, Tote aus Feuergefechten mit der israelischen Armee, Opfer israelischer Siedler, Suizidbomber, Attentäter, Terroristen. Alle, die sich als Schahid, als Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt haben, werden verehrt als Gefallene Gottes. Das palästinensische Fernsehen sendet Werbespots über "unsere toten Helden", und die Zeitungen bejubeln den "Befreiungskampf für Palästina". Die Bilder der Toten, blutrot, beinahe kitschig, sie werden zusammengefügt zu einer Galerie des Todes.