Die Begriffe "Okzident" und "Orient" benutzen arabische Intellektuelle nur selten. Denn "Orient" ist ein altes Wort aus der christlichen Geschichte.

Für Muslime stellt er nur einen Begriff dar, unter den der Okzidentale alles subsumiert, was außerhalb seines eigenen Territoriums liegt. Den Arabern ist dagegen der Westen näher als jeder andere Osten. Zwischen Indien und den arabischen Ländern finden sich kaum solche Verbindungen wie zwischen den arabischen und westlichen Ländern, wie zum Beispiel zu Frankreich, England oder gar Spanien. Der Westen ist die zweite Heimat für alle Länder der anderen, in sich disharmonischen und nur durch den Namen "Orient" verbundenen Welt.

Auch ist "Islam" nur ein unzulänglicher Sammelbegriff für all jene Länder, deren Einwohner sich zu diesem Glauben bekennen. Der Islam ist zwar die Religion dieser Länder, keineswegs aber ihre nationale Identität, genauso wenig fasst er all ihre Kulturen. Zwischen den Muslimen im Nahen Osten und denen in Mittelasien gibt es nur wenig Gemeinsamkeiten. Ebenso bestehen nur wenige kulturelle Verbindungen zwischen Ägypten und Indonesien, zwischen der Islamischen Republik Iran und den Arabern, jedenfalls sind sie kaum zu vergleichen mit den Beziehungen, die zwischen dem Iran oder den Arabern mit dem Westen herrschen. Die Araber begreifen sich nicht nur als Angehörige des Orients oder des Islam. Sie wollen einfach nicht glauben, dass auf der Erde zwei Welten existieren.

Auch die Intellektuellen bestreiten, dass es zwei Welten gibt, zumal sie für sich selbst keine einzige kennen. Ihre Welt haben sie mit dem Beginn der westlichen militärischen, ökonomischen und kulturellen Invasion verloren. Die Araber haben seitdem ihre Architektur, Kleidung, Wohnungseinrichtung und ihre Alltagsgegenstände im Rekordtempo an den Westen angepasst. Wahrscheinlich hat die westliche Invasion damals nur ein morsches, brüchiges Gebäude vorgefunden, das sich trügerischerweise selbst für die Welt hielt. Diese rasche Selbstaufgabe haben sich die arabischen Muslime bis heute nicht verziehen. Sie führte zu immensen Schuldgefühlen und ist eine Ursache für den allgemeinen Hass gegen den Westen.

Zweifellos wurde der westlichen "Kriegsmaschinerie" nicht genügend Widerstand entgegengesetzt, vor allem nicht auf kultureller Ebene. Anfangs war der Islam nicht in der Lage, sich der westlichen Invasion zu widersetzen. Das führten arabische Intellektuelle damals darauf zurück, dass der Islam müde und unzeitgemäß war und ihm der Antrieb zur Konfrontation fehlte. Diesen Antrieb entdeckten sie in der neuen kolonialistischen Kultur und ihrer Forderung nach nationalem Selbstbewusstsein. Die Forderung stammte zwar aus dem Westen, wendete sich jedoch auf der ganzen Linie gegen ihn. So wurden die nationalistischen Bewegungen zum unrechtmäßigen Spross der verwestlichten Kultur, und sie haben das islamische Erbe weitgehend zerstört. Das alte, prächtige Gebäude wurde niedergerissen und an seine Stelle ein internationales, elendes Konstrukt gesetzt. Die nationalistischen Bewegungen zerstörten die alte Dichtung, machten alte Lebensweisen zunichte und missachteten die alten Künste.

Symphonie und Ballett wurden selbstverständlich zum Traum eines jeden Musikers. Der Roman im balzacschen Stil gab den Ton an, surrealistische Dichtung und Impressionismus in den bildenden Künsten wurden zur Quelle der Inspiration. Der starke Nationalstaat, die moderne Armee und Industrie wurden zum alles bestimmenden Ideal. Überall galt der Westen als großes Vorbild.

Kein arabischer Name wurde mehr geehrt, außer man fand für ihn ein Pendant im Westen. Keine Idee oder Lehre war vertrauenswürdig, es sei denn, sie stammte aus dem Westen. Man begründete eine nationalistische Philosophie, die sich dann auf Sartre berief.