Düsseldorf

Der Slogan, mit dem die SPD seit einiger Zeit für sich und die Zukunft wirbt, lautet "Sicherheit im Wandel". Wenn die Werber und Strategen im Willy-Brandt-Haus damals versucht hätten, für den Slogan ein Profil zu entwerfen und eine Person zu erfinden, dann wären sie zwangsläufig auf einen wie ihn gekommen: auf Harald Schartau. Kaum ein Zweiter verkörpert beides in gleichem Maße, Erneuerungswillen und Traditionsbewusstsein der Partei.

Der 48-Jährige stammt aus Duisburg, lebt in Mülheim, hat Chemielaborant gelernt und auf dem zweiten Bildungsweg Karriere in der IG Metall gemacht. Er kennt also das Milieu, in dem sich die SPD lange, viel zu lange sicher wähnte. Wenn Schartau über sein Verständnis von Politik spricht, formuliert er Sätze, die so schnörkellos daherkommen wie seine ganze Erscheinung: "Bevor ich anfange, über den Tellerrand hinauszugucken, muss ich den Teller fest im Blick haben." Oder: "Visionen müssen Bodenhaftung haben." Schließlich: Bei allen Betrachtungen der Zukunft möge man doch "ein Bein in der Gegenwart behalten", bitte!

Die Gegenwart. An diesem Samstag wird Harald Schartau in Münster zum Vorsitzenden der nordrhein-westfälischen SPD gewählt werden, als Nachfolger von Franz Müntefering. Das ist die Kerntruppe der deutschen Sozialdemokratie, eine Art rotes Fürstentum. So nüchtern sich die Nachricht liest, so spektakulär ist ihre Geschichte - für die SPD und für Harald Schartau. Denn nimmt man es genau, macht dieser erst seit anderthalb Jahren "richtig" Politik. Bis dahin war Schartau Leiter des IG-Metall-Bezirks Nordrhein-Westfalen, Chef von 700 000 Mitgliedern zwar und damit einer der einflussreichsten Gewerkschafter im Land. Und wie es sich für einen ordentlichen IG Metaller im Ruhrgebiet gehört, hatte ihn die SPD seit 1971 auch als Mitglied registriert. Doch erst nachdem seine Hoffnungen zerstoben waren, als Nachfolger von Klaus Zwickel einmal an die Spitze der IG Metall zu rücken, ging er in die Politik. NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement hatte schon einmal vergeblich angeklopft und holte Schartau nun, nach der Landtagswahl im Mai 2000, als Arbeits- und Sozialminister in sein Kabinett.

Kaum ein Monat vergeht seitdem, ohne dass Schartau, der "Reformer", eine neue Idee auf den Markt der Arbeitspolitik wirft. Transfergesellschaften, Jobrotation, Branchengespräche, Sozialagenturen - Schartau versteht sein Dasein in der Politik als Fortsetzung der Gewerkschaftsarbeit mit anderen Mitteln. Damals wie heute kreisen seine Gedanken im Wesentlichen um zwei Fragen: Wo kommen neue Arbeitsplätze her? Und wie definiert man im Zeitalter der Globalisierung soziale Gerechtigkeit? Die Arbeit als Schlüsselthema nicht nur für den Einzelnen, sondern auch "für den Charakter und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft" - dieser Ausgangspunkt seiner Überlegungen weist Schartau als klassischen Sozialdemokraten aus. Seine Antworten jedoch haben ihn zum Modernisierer gestempelt, früher in der IG Metall, heute in der SPD.

Die überkommenen Rituale der Tarifrunden, wie sie nun wieder beginnen, die zeitraubende Fortsetzung des Klassenkampfes am Verhandlungstisch waren Schartau schon früher ein Gräuel. Der Gewerkschafter trat für individuelle Arbeitszeitregelungen und differenzierte Lohnabschlüsse ein, nicht für die Rente mit 60 oder die Einführung einer 32-Stunden-Woche. Um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, hat auch der Minister schon früh für einen Paradigmenwechsel plädiert: Statt Arbeitslosigkeit zu finanzieren, sollten Abfindungen und Versicherungsgelder dafür verwendet werden, den "Übergang", im besten Fall also die rasche Suche nach einem neuen Arbeitsplatz, zu organisieren. Das Zeitalter, in dem die Arbeitsämter "nur Geldauszahlungsstellen waren", sei vorbei. Nebenbei lieferte Schartau damit den Auftakt zu jener Debatte, die Bundeskanzler Gerhard Schröder mit der Bemerkung, es gebe "kein Recht auf Faulheit", auf die Spitze trieb. Im Kern meinen Schröder und Schartau dasselbe: Wer arbeiten kann, muss arbeiten, Zumutungen inklusive. Nur las sich der Sachverhalt bei Schartau differenzierter.

Im Vorwärts wurde Schartau unlängst als "Tabubrecher" geoutet. Doch Ton und Stil unterscheiden den Exgewerkschafter von den allzu forschen Propheten des Fortschritts in der SPD. So versichert Schartau auf einer Betriebsversammlung in Dortmund, die alte Ökonomie sei "längst nicht veraltet". Auf einer Fachtagung seines Ministeriums in Düsseldorf erklärt er beinahe schroff: Wer glaube, körperliche Arbeit gehöre der Vergangenheit an, "hat nicht so allzu viel Ahnung". Nein, nicht dass er die Bedeutung der "so genannten Neuen Ökonomie", der Computer- und High-Tech-Branchen unterschätze. Aber mehr als ein Drittel der Arbeitsplätze in Nordrhein-Westfalen zählt nun einmal noch immer zum industriellen Sektor. Und auch die Genossen an Rhein und Ruhr bleiben dem alten Milieu vorerst verbunden. Schartaus SPD will daher beides leisten: "Wir sind eine Partei für die, die den Fortschritt gestalten, und für die, die sich vor dem Fortschritt fürchten." Sicherheit im Wandel? Für die einen ist dieser Schartau ein sozialdemokratischer Gott-sei-bei-uns, eine Neuausgabe von Bodo Hombach, der gelernt hat, mit der Engelszunge von Johannes Rau zu sprechen. Für die SPD-Strategen in Berlin erscheint Schartau dagegen als Hoffnungsträger: einer, der die Gegensätze in seiner Person vereint und damit die Fliehkräfte der Sozialdemokratie bändigen könnte.