Boulevard Clovis 18: Ein charmantes Brüsseler Jugendstil-Stadthaus, nur einen Steinwurf von der Europäischen Kommission, bloß ein paar Fußminuten vom Parlament entfernt, innen kleinteilig verwinkelt. Seine Bewohner nennen es schon mal ihren "Vogelkäfig", Spötter sprechen von der "bayerischen Botschaft", und ganz offiziell steht "Vertretung des Freistaates Bayern bei der Europäischen Union" am Eingang.

Hierher zieht es angehende Juristen, das erste Staatsexamen in der Tasche und ein Ziel vor Augen: Einmal etwas anderes tun, als im Seminar trockene Fachliteratur zu wälzen oder dem teuren Repetitor die Aufwartung zu machen.

Zum Beispiel "Europa" von innen kennen zu lernen, für drei Monate, einen lieben langen Arbeitstag lang, Beginn 9 Uhr, Ende 18 Uhr, Pünktlichkeit ist Pflicht, Überstunden sind die Regel.

"Pflichtwahlpraktikum" heißt das etwas umständlich im Amtsdeutsch. Man mag sich das so zurechtbuchstabieren: Die Pflicht, das ist zunächst die eigene Neugier auf das Unbekannte, das sich hinter der geläufigen Rede von "Europa" oder "Brüssel hat entschieden" verbirgt. Wahl ist alles, was diese Kapitale an europäischen Institutionen und Themengebieten zu bieten hat. Und Praktikum meint, dass die bayerische Vertretung die jungen Menschen wie alte Kollegen empfängt und einspannt: "Jetzt mach halt mal" ist ein Satz, den die Praktikanten häufig hören.

Die Arbeit, erzählt eine Absolventin des Dreimonatsparcours, reiche dabei vom Protokoll einer Parlamentssitzung über die Bearbeitung von Bürgerfragen bis hin zu juristischen Gutachten oder Vermerken für die Landesregierung. Nicht zu vergessen die Vorbereitung von Veranstaltungen in der Landesvertretung, was sie dann bis spät in die Nacht beschäftigt hält, lehrreich wegen der Informationen, nahrhaft dank des servierten Imbisses oder Abendessens. Ihr Kollege lobt die freundliche Arbeitsatmosphäre ("die Kaffeepausen am Runden Tisch sind geradezu familiär") und die große Selbstständigkeit: Einmal einem der elf Fachreferate des Hauses zugeteilt, übrigens ein genaues Spiegelbild der bayerischen Ministerien, habe man ihn machen lassen. Eine anstrengende und dabei lohnende Vollzeitbeschäftigung nennen die beiden Absolventen diese drei Monate: "Viel geschlafen haben wir nicht." Beschäftigungstherapie sei dieser Schnellkurs in Sachen Europa nie gewesen. Selber machen: Das erscheint den Absolventen im Nachhinein der entscheidende Unterschied zu den stages, den Lehrgängen, wie sie die europäischen Institutionen anbieten. Dort bekommen die stagiaires zwar jede Menge Einblick und nützliche Kontakte, aber es bleibt zumeist beim Blick über die Schulter des Kommissionsbeamten.

Doppelte Loyalitäten

Und was verspricht sich die Leitung des bayerischen Hauses von ihren Praktikanten? "Das hier ist eine Art Kaderschmiede", sagt die Chefin Edeltraud Böhm-Amtmann. "Wir wollen unsere Leute später in allen unseren Institutionen wiederfinden." Diese Europäisierung deutscher Verwaltung - denn dort arbeiten am Ende schließlich die meisten ausgebildeten Juristen - beschränkt sich dabei keinesfalls aufs Bayerntum: "Aufnahmekriterium für ein Praktikum ist weder der Status des Landeskindes noch die Herkunft von einer bayerischen Uni", betont der zweite Mann der Vertretung, Friedrich von Heusinger. In diesem Jahr habe man erstmals auch Praktikanten aus den EU-Kandidatenländern, das soll noch ausgeweitet werden, jedenfalls soweit das die Enge im Vogelkäfig erlaube. "So haben wir später ein paar Knoten mehr im Netzwerk", freut sich Heusinger.