Unerledigte Hausaufgaben rächen sich, das zeigt sich gerade in Argentinien. Der Staat ist praktisch bankrott, die Schulden steigen täglich - und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) fiel lange nichts Besseres ein, als zähneknirschend Geld nach Buenos Aires zu überweisen. Diese Woche blieb der IWF plötzlich hart und behielt die ursprünglich für Dezember zugesagten Kredite zurück. Dafür weiß die argentinische Regierung jetzt nicht mehr, wie sie die Schulden zurückzahlen soll. Einerseits kann der IWF nicht ständig auf die Finanzspritze drücken, andererseits ist Argentinien bald zahlungsunfähig, wenn er es nicht tut. Eine Lösung hat im Moment noch niemand parat.

Das liegt auch daran, dass ausländisches Kapital für die Entwicklungs- und Schwellenländer hilfreich und gefährlich zugleich ist. Einerseits lassen sich damit Fabriken bauen und Arbeitsplätze schaffen. Fordern Investoren ihre Kredite samt Zinsen aber zurück, und die Kassen sind leer, wird das geliehene Geld plötzlich zum Fluch.

Die Regierung in Buenos Aires sitzt mittlerweile auf einem Schuldenberg von 132 Milliarden Dollar. Aus eigener Kraft kann sie die kaum zurückzahlen - das Land steckt seit drei Jahren in der Rezession. Schuld an der Misere ist vor allem die eins zu eins Bindung des Peso an den Dollar, das so genannte Currency Board. Die Währung ist hoffnungslos überbewertet, Waren aus Argentinien sind auf dem Weltmarkt deshalb viel zu teuer. Mit der Dollarbindung hat die Zentralbank außerdem die geldpolitische Hoheit verloren. Sie kann nicht mehr die Zinsen senken und damit die Nachfrage ankurbeln. Wegen der leeren Staatskassen am Ro de la Plata stehen auch Konjunkturprogramme nicht zur Debatte.

Doch irgendwo muss das Geld für die Zinszahlungen ja her. Mit einer Verzweiflungstat hat Wirtschaftsminister Domingo Cavallo vergangene Woche versucht, die Kapitalflucht ins Ausland zu stoppen. Jetzt dürfen die Argentinier nur noch 1000 Dollar im Monat von ihren Konten abheben, Überweisungen ins Ausland sind verboten. Um Geld in die Staatskassen zu spülen, will Cavallo die erst im Frühjahr gewährten Steuererleichterungen für Unternehmen wieder rückgängig machen. Der Wirtschaft wird all das kaum auf die Beine helfen.

Deshalb versucht die Regierung, sich mithilfe eines Schuldentauschs ein wenig Luft zu verschaffen. Alte Anleihen, die sie demnächst zurückzahlen muss, will sie in neue Anleihen mit längerer Laufzeit und niedrigeren Zinssätzen umwandeln. Ob die Gläubiger aus dem Ausland das mitmachen, ist allerdings offen. Im Juli sprang noch der IWF mit einem Milliardenkredit in die Bresche und rettete Argentinien vor dem Zahlungsausfall. Vorübergehend.

Für den IWF und seine Mitgliedsländer sind diese Löschaktionen, die keine dauerhafte Lösung bieten, kostspielig. Daher ist die Regierung Bush - die USA sind das größte Geberland - mit dem Ziel angetreten, diese Art von Finanzhilfe für private Kreditgeber einzuschränken. Was allerdings schwer fällt, solange die Alternative fehlt. Selbst US-Finanzminister Paul O'Neil, der kurz nach seinem Amtsantritt noch gedroht hatte, er werde "den IWF zur Zurückhaltung zwingen, solange es keine klaren Ansteckungsgefahren gibt", wurde in Argentinien schwach. Genau in der Ansteckungsgefahr liegt nämlich die Crux: Kann ein Schuldnerland seinen Vepflichtungen nicht mehr nachkommen, ist es also bankrott, bleibt das für Wachstum notwendige Kapital aus dem Ausland oft auch anderen Schwellenländern fern, selbst wenn deren Wirtschaft bisher gesund war.

Dringend gesucht wird deshalb ein anderer Ausweg aus der Schuldenfalle. Die Volkswirtin Anne Krueger, stellvertretende IWF-Chefin, hat kürzlich in die Schublade gegriffen ein und altes Konzept hervorgeholt: ein internationales Konkursrecht für Schuldnerstaaten. Das soll es Ländern wie Argentinien ermöglichen, "ihr nachhaltiges Schuldenproblem unverzüglich und geordnet zu lösen", so die frühere Stanford-Professorin Krueger. Noch diesen Monat will das IWF-Direktorium ihren Vorschlag diskutieren.