Der Maler Antonio di Puccio, genannt Pisanello, geboren 1394 in Pisa und gestorben 1455 in Rom, war einer der begehrtesten Künstler seiner Zeit. Er arbeitete an allen großen Höfen Norditaliens, für die Gonzaga in Mantua, die d'Este in Ferrara, die Visconti in Mailand, aber auch für die Malatesta, die Sforza und König Alonso V. von Aragon in Neapel. Päpste, Könige und Herzöge wollten sich mit seiner Kunst schmücken, sich an der Kostbarkeit seiner Bilder und Medaillen erfreuen.

Umso erstaunlicher scheint es, dass nur vier eindeutig Pisanello zugeschriebene Tafelbilder und drei Freskenbilder heute noch als Zeugen dieses Ruhms existieren. Wenn die Londoner National Gallery, die zwei Tafelbilder besitzt, nun die bisher größte Pisanello-Ausstellung zeigt, dann ist dieser Superlativ einerseits zutreffend, andererseits für unsere Blockbuster-Mentalität irgendwie unzeitgemäß und schließlich aber, jenseits aller Numerik, auf ganz andere Weise zutreffend. Denn in sechs Ausstellungskabinetten sind die Bilder (zwei Porträts und zwei Heiligenlegenden) zwar in der Minorität. Aber umgeben von zahlreichen Zeichnungen und Werkstattarbeiten, von Gegenständen des höfisch-ritterlichen Lebens sowie ergänzt durch die doppelseitig konzipierten Porträtmedaillen, die Pisanello noch einen hohen Nebenruhm einbrachten, leuchten die Bilder aus dem Halbdunkel der Ausstellung hervor als eben jene Kostbarkeiten, von denen die Zeitgenossen so fasziniert berichten.

Pisanello, der bei Gentile da Fabriano in die Lehre ging und ihm bei der Ausmalung des Dogenpalastes in Venedig assistierte, war von seinen Lebensdaten her ein Künstler der Frührenaissance, mit seinem Werk aber einer der letzten Meister der internationalen Gotik, jenes so genannten "weichen Stils", in dem höfisches Leben und religiöses Denken einander harmonisch komplementierten. Während bei Masaccio, dessen Künstlerjahre sich mit denen von Pisanello überschneiden, die Protagonisten der christlichen Geschichte mit einem neuen, gelegentlich klassisch-pathetisch akzentuierten Realismus auftreten, ist Pisanello noch ganz von den Träumen der Legenda aurea umfangen. So gewinnen die streng wirkenden Profilporträts von Leonello d'Este und seiner Braut Margherita Gonzaga durch ein elaboriertes Beiwerk von Blumen, Pflanzen, Schmetterlingen, Perlen, Knöpfen und kostbarem Tuch nicht an Prunk oder Luxus, sondern an Heiterkeit, die natürlich auch meist ihre detailliert tiefere symbolische Bedeutung hat.

Keiner malte Pferde wie er In ganzer Fülle aber entfaltet sich Pisanellos Erzählfreude und Märchenlust in einem Bild wie Die Vision des Hl. Eustacius. Ein Ritter im gelbseidenen Hemd und mit einem blauen Turban reitet, die Hand zum sanften Gruß erhoben, auf seinem Pferd mit edlem Zaumzeug in einen gleichermaßen dunklen wie durch die ritterliche Erscheinung und Tiere aller Arten illuminierten Wald hinein.

Zu seinen Füßen freundliches Hundegewirr, ein heller Jagdhund setzt einem Hasen hinterher. Über dem noblen Reiter hocken Wiedehopf, Schwan, Storch, Pelikan und Reiher in Nestern oder dunklen Wolken in der Tiefe des Waldes haben Bär, Reh und Schaf Platz genommen. Dem Reiter gegenüber aber steht auf einer Anhöhe ein prächtiger Hirsch mit einem Kruzifixus zwischen den Stangen seines Geweihs. Die Legende, die auf eine Bekehrungsgeschichte der Legenda aurea zurückgeht, erlaubt es Pisanello, das christliche Geschehen durch höfischen Glanz zu ästhetisieren und im Wunderwerk der Natur einzubetten.

Pisanello war berühmt für seine Detailstudien und besonders seine Tierzeichnungen, die in London jetzt weitgehend versammelt sind (und vom englischen Publikum natürlich mit besonders liebevollem Kennerblick betrachtet werden). Er hatte, so schreibt sein Biograf Bartolomeo Facio, "fast das Talent eines Dichters im Abbilden der Formen und der Wiedergabe der Gefühle. Aber beim Malen von Pferden und anderen Tieren, so die Meinung der Experten, hat er alle anderen übertroffen."

Was im Nachhinein wie eine isolierte Kostbarkeit wirkt, war für den Künstler der Alltag einer minutiösen und ausgedehnten Werkstattarbeit und Teil eines kompositorischen Prozesses, an dessen Ende eben doch mehr stand als die Summe der Erscheinungsformen des Höfischen, Göttlichen und Natürlichen. "Zur Bewunderung aller", schrieb der Humanist Guarino über Pisanello, "kommst du der Natur gleich, ob du Vögel oder vierfüßiges Getier, gefährliche Meerengen oder die ruhige See wiedergibst wir könnten schwören, dass wir das Glänzen der Gischt sahen und das Brechen der Wellen hörten ... Wenn du eine Winterszene malst, erstarrt alles in eisiger Kälte und die entlaubten Bäume ächzen im Wind. Wenn du das Geschehen in den Frühling verlegst, lächeln die Blumen im Grün der Wiesen, der alte Glanz kehrt in die Bäume zurück und die Hügel blühen auf hier zittern die Lüfte im Gesang der Vögel."