Über den Vernichtungskrieg der Wehrmacht im Osten ist seit Mitte der neunziger Jahre viel diskutiert worden - nicht nur in Deutschland. Dabei hat man oft übersehen, dass dieser Krieg schon eine Art "Vorläufer" hatte. Es war der Feldzug des faschistischen Italiens gegen Äthiopien und die sich daran anschließende Schreckensherrschaft, die erst in den letzten Herbsttagen des Jahres 1941, vor nun genau 60 Jahren, zu Ende ging.

Begonnen hatte der Leidensweg des Landes mit dem Überfall durch italienische Truppen am 3. Oktober 1935. Das ungleiche Ringen zwischen Italien und dem Kaiserreich Abessinien (wie die alte Bezeichnung von Äthiopien lautet) wuchs sich zum größten kolonialen Eroberungskrieg aus, der je auf dem afrikanischen Kontinent ausgefochten wurde. Während des sieben Monate dauernden Konflikts und der fünfjährigen Besatzungszeit verübten die Italiener Verbrechen, die denen deutscher Soldaten im Osten an Grausamkeit wenig nachstanden.

Es war Benito Mussolini selbst, der die Eroberung des Landes vorangetrieben hatte. Unangefochten in seiner Herrschaft, begnügte sich Roms Diktator seit dem 10. Jahrestag der faschistischen Machtergreifung 1932 nicht mehr damit, Italien nach seinem Willen umzuformen. Der Duce wollte als Reichsgründer in die Geschichte eingehen. Er träumte davon, das Imperium Romanum in moderner Gestalt wiederaufleben zu lassen. Am leichtesten in die Tat umzusetzen waren seine imperialen Träume am Horn von Afrika. Die internationale Passivität nach der japanischen Besetzung der Mandschurei 1931 hatte ihn ermuntert, seine Pläne zu verwirklichen und mit der Annektion Abessiniens ein zusammenhängendes Kolonialreich in Ostafrika zu schaffen, das Rom eine beherrschende Stellung am Roten Meer und damit an der Passage zum Suezkanal gesichert hätte.

Von Liberia einmal abgesehen, war das christliche Feudalreich Äthiopien, an dessen Spitze als Negus Negesti, als König der Könige, seit 1930 der Reformer Haile Selassie stand, das einzige Land Afrikas, das nicht unter europäische Herrschaft geraten war. Seit einem halben Jahrhundert befanden sich allerdings die beiden Nachbarterritorien Eritrea und Somaliland in italienischer Hand. Durch die Eroberung von Äthiopien wollte Mussolini jene Ansammlung von Wüsten und Steppen, über die Rom am Horn von Afrika bereits gebot, zu einer großen Siedlungskolonie vereinigen. Landhungrige Kolonisten sollten dort Zeugnis von der "Größe und Überlegenheit der römischen Zivilisation" ablegen.

Bereits 1925 hatte Mussolini Kolonialminister Pietro Lanza di Scalea die Weisung erteilt, die militärische Schlagkraft in den ostafrikanischen Besitzungen zu erhöhen. 1932 entsandte er den Weltkriegshelden Emilio De Bono nach Eritrea auf Erkundungstour. Die endgültige Entscheidung für den Angriff fällte der Diktator allerdings erst im Dezember 1934. Als Vorwand diente ihm der Grenzzwischenfall von Wal-Wal, bei dem 30 im Dienst der italienischen Kolonialtruppen stehende Askaris durch eine äthiopische Einheit getötet worden waren. In einer geheimen Anweisung an den Generalstab verfügte der Duce, das Ziel könne jetzt "nur in der Zerstörung der abessinischen Armee und in der totalen Eroberung von Äthiopien bestehen".

Bald schon begannen die Vorbereitungen. Zehntausende von italienischen Arbeitern bauten die Häfen von Massaua und Mogadischu aus, verbesserten die Straßen in Richtung der äthiopischen Grenze und legten neue Flugplätze an.

Monatelang wurden - unter den Augen der Welt - die in Eritrea und Somalia stationierten Truppen gewaltig verstärkt und schweres Kriegsgerät dorthin verschifft.