Endstation Pankow

Berlin

Lenin ist weg. Schon lange. Ein Tourist bemerkt es, der mit einer alten Postkarte am Platz der Vereinten Nationen steht, der mal Lenin-Platz hieß. Es war schwierig mit Lenin, er war viel zu schwer. Ihn einfach stehen lassen?

Das ging nicht. Man könnte den Koloss ankippen, schlug jemand vor. Jeder würde sehen, dass er die Bodenhaftung verloren hat. Die Idee fand keine Mehrheit. Lenin wurde abgeräumt. Zum Geburtstag von Eberhard Diepgen sollte er weg sein, hieß es. Solch Zusammenfall von Ereignissen wird in Ostberlin registriert. Das kann doch kein Zufall sein. Doch Lenin war hartleibig. Der Geburtstag des Regierenden verstrich. Der Abriss zog sich hin und kostete Hunderttausende. Symbolik ist teuer. Am Ende gewann Diepgen.

Ein Sieg? Eine Niederlage? Lenin liegt, in hundert Stücke zerschlagen, vergraben im märkischen Sand am Stadtrand von Berlin. Der Kopf getrennt von den übrigen Teilen. Bewacht von einem Revierförster namens - Marx.

Dessen berühmter Namensvetter Karl steht immer noch da, auf einer freien Fläche an der Spree, zusammen mit dem Genossen Friedrich Engels.

Marx-Engels-Forum sollte der Ort genannt werden. Er war aber bloß eine Grünfläche. Das Denkmal war nur einmal schön. Da stand es noch nicht. Die Fotografin Sibylle Bergemann hat den Moment festgehalten: Engels an Kranseilen, der für Minuten dem Barlachschen Engel in Güstrow glich.

Das Kapital hat Mitte erobert

Endstation Pankow

Am anderen Ufer der Spree gluckt schwerfällig der Palast der Republik, vom Asbest befreit hockt er auf dem Schlossplatz und kostet nur noch Geld. Auch das Rote Rathaus ist nahe dran an Marx. Und vom Kapital entfernter denn je.

Hier kratzen Gysi und Wowereit derzeit die fehlenden Milliarden zusammen.

Woher nehmen? Versuch mal, 'nem nackten Mann in die Tasche zu greifen, sagt man dazu in Berlin.

Wer den Überblick verloren hat, muss auf den Fernsehturm. Der steht am Alexanderplatz, hier ist der Osten, wie man ihn kennt. Trotz Kaufhaus und Rummel, ein zugiger Platz, tagsüber belebt durch Passanten, Käufer und Straßenbahnen, abends besetzt von Pennern, Punks und Polizisten. Kurz hinterm Alex hat sich der Osten längst verabschiedet. Kein Mensch wähnt sich noch in Ostberlin, wenn er die Hackeschen Höfe besichtigt. Hier verliert er die Richtung. Das ist die neue Mitte Berlins. Noch ohne Symbolik. Pariser Platz, Unter den Linden, Friedrichstraße. Das soll Osten sein? Kaum. Hierher kam das schnelle, junge Kapital und hat die Gegend erobert. Das Geld hat die Stadt verändert, und der Westen sah mancherorts ziemlich hässlich aus, langsam und alt.

Wo ist Berlin am östlichsten? In Pankow? Wo einst die Regierung wohnte, bevor sie in die Waldsiedlung Wandlitz zog, als "Pankower Machthaber". Pankow, das klingt auch wie Punk. Einer Rockband gefiel der Doppelklang, als sie den Namen vor zwanzig Jahren für sich entdeckte. Zur gleichen Zeit, als ein paar mutige Pankower in der Kirche ihren widerständigen "Friedenskreis" gründeten, der alsbald zum bevorzugten Objekt der Staatssicherheit wurde.

Beim Treffen nach zwanzig Jahren sagt Wolfgang Thierse trotzig: "Wir können vom Westen nichts mehr lernen - nur wissen das viele noch nicht."

Pankow jedenfalls sollte verschwinden, als die Bezirke zusammengelegt wurden.

Endstation Pankow

Und der neue Bezirk, wie sollte der heißen? NO für Nordost? Prenzlauer Berg/Weißensee? Dritter Bezirk? Pankow? Niemals! Wer sich in Prenzlauer Berg als Befürworter Pankows outete, dem wurde die Freundschaft gekündigt. Dritter Bezirk, diesen Vorschlag konnte nur machen, wer keine Ahnung von Ostberlin hat. Zu nichtssagend, zu versöhnlerisch. Ohne Bedeutung. Am Ende stimmten die Abgeordneten für - Pankow. Selbst prominente Interventionen wie die von Thierse nutzten nichts. Punkt für die PDS.

In Prenzlauer Berg ist man großzügig. Hier sagt niemand, er wohne in Pankow.

Hier kann jeder sein, wie er will. Und reden auch.

Berliner bevorzugen bekanntlich den Dativ. Verona Feldbusch ist keine Berlinerin. Das muss betont werden. Selbst wenn vor Gott und Fontane eigentlich jeder Mensch ein Berliner ist - auch Großzügigkeit hat ihre Grenzen. Sie liegen im Wörtchen "eigentlich". Ein Hinterhalt, der so viel meint wie: Im Prinzip kann jeder Berliner sein. Nicht weniger, nicht mehr. Im Prinzip ist es im Osten berlinischer. Hier wird der Originaldialekt gesprochen, sagt die Wissenschaft. Hier darf auch berlinern, wer an der Uni war. Und zwar ungestraft.

Wo ist Osten? Zum Beispiel da, wo die Volksbühne steht. Trotzig leuchten die drei Buchstaben von ihrem Dach: OST. Der Platz hieß nach Horst Wessel, jetzt nach Rosa Luxemburg. Der PDS-Parteivorstand liegt nahebei. Zufall, Folklore?

Die Volksbühne hat einen Grünen und einen Roten Salon. Im Osten hört man (auch) die alten DDR-Bands. Selbst wohlmeinende Westfreunde müssen sich schütteln: Aufgeschäumter Eunuchen-Rock. "Dabei seid ihr doch schon zwölf Jahre dabei!", lautet der Standardsatz. Der Osten genießt den Moment, wenn der Westen leidet. Kleine Siege in der neuen Zeit.

Currywurst in Stoffserviette

Endstation Pankow

Die großen Schlachten werden am 15. Januar noch einmal geschlagen. Dann ziehen Zehntausende zur Liebknecht-Luxemburg-Demo nach Friedrichsfelde, tief im Osten. "Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden." Es ist das gleiche Luxemburg-Zitat, das zum Ende der DDR Oppositionellen Gefängnis oder Zwangsausreise eintrug. Die Berliner Zeitung, ehemals Ost, wird von ihren Lesern mit Protestbriefen überschüttet, als sie einmal nur en passant über die Demo berichtet. Es hagelt Abbestellungen. Kein Wunder, sagen Parteienforscher. Berlin war die Stadt mit der höchsten Funktionärsdichte.

Springers Morgenpost muss nicht auf Abbestellungen warten, sie schafft sich selber ab. Sie soll in der Welt verschwinden. Die Currywurst in der Stoffserviette. Ausgerechnet in der Woche, als die SPD mit der PDS zu verhandeln beginnt. In Berlin ist alles symbolisch. Auch das. Das Rote Rathaus scheint auf einmal nicht nur wegen seiner Steine so zu heißen.

Ostberlin ist eine Stadt im Übergang. Doch selbst das gefällt nicht jedem.

"Sieht gar nicht aus wie Osten", mäkelt ein Mann von auswärts. Er hat sich mit seiner Frau auf die Warschauer Brücke verlaufen. Der Bahnhof über dem Viadukt ist neu in altem Stil, die Oberbaumbrücke hinter ihm auch. Links blinkt der Fernsehturm, rechts rattert die S-Bahn zum Ostkreuz. Hierher hat man sich auch früher nur selten verirrt. Es stank nach Kohle, und nebenan war die Glühlampenfabrik von Narva. Ein paar wenige zog es zur Fotogalerie an den Helsingforser Platz. Dort fand ein bisschen Kunst statt, ein bisschen Welt und auch ein ganz klein bisschen Widerstand. Dort hing auch das Foto von der Sprengung des Gasometers an der Greifswalder Straße, 1984. Als das Industriedenkmal weg war - es hatte auch Proteste gegeben -, wurde der "Ernst-Thälmann-Park" gebaut. Plattenbauwohnungen, der Namenspatron steht noch heute als klotziges Monstrum an der Straße. Im nahen Buchladen wird ein Plattenbau-Quartett verkauft.

Der Friedrichshain, in der Nähe der einstigen Fotogalerie, ist heute die Gegend für Zwanzigjährige. Mit Kneipen in der Simon-Dach-Straße und Klubs wie dem Techno-Klub Matrix in den S-Bahn-Bögen. Hier endet die U 1, aus Zehlendorf. Von Zehlendorf ist außerhalb Berlins wenig die Rede. Von Kreuzberg-Friedrichshain umso mehr. Der westöstliche Bezirk ist PDS-regiert.

Die Kids, die auf Einlass warten, interessiert das wenig. Sie kommen in die Gegend, weil sie noch nicht so geleckt ist wie in Mitte oder am Kollwitzplatz. Weil es hier Brachen gibt, Spielflächen, Möglichkeiten, eine Zeit lang.

Auch hier gibt es Orte wie den alten Schlachthof, in den jetzt Büros, Filmleute und Stiftungen ziehen. Der so schick wird, dass es bald gar nicht mehr aussieht, als wär man im Osten. Nur Ausländer merken das noch immer. Sie fühlen sich unsicher und bleiben lieber in Mitte.

Endstation Pankow

Ostberlin ist längst eine Projektion. Es erfindet sich selbst und wird vom Westen neu erfunden. Was außerhalb Osten genannt wird, meint eigentlich ganz Berlin. Unfertig, chaotisch und ruppig, größenwahnsinnig und unbeherrscht - und schön. Kein Sein, aber Werden. Die Kinder aus Stuttgart und München, Tribsees und Chemnitz werden immer wieder nach solchen Orten suchen. Zu finden sind sie - vielleicht - in Ostberlin.