Die großen Schlachten werden am 15. Januar noch einmal geschlagen. Dann ziehen Zehntausende zur Liebknecht-Luxemburg-Demo nach Friedrichsfelde, tief im Osten. "Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden." Es ist das gleiche Luxemburg-Zitat, das zum Ende der DDR Oppositionellen Gefängnis oder Zwangsausreise eintrug. Die Berliner Zeitung, ehemals Ost, wird von ihren Lesern mit Protestbriefen überschüttet, als sie einmal nur en passant über die Demo berichtet. Es hagelt Abbestellungen. Kein Wunder, sagen Parteienforscher. Berlin war die Stadt mit der höchsten Funktionärsdichte.

Springers Morgenpost muss nicht auf Abbestellungen warten, sie schafft sich selber ab. Sie soll in der Welt verschwinden. Die Currywurst in der Stoffserviette. Ausgerechnet in der Woche, als die SPD mit der PDS zu verhandeln beginnt. In Berlin ist alles symbolisch. Auch das. Das Rote Rathaus scheint auf einmal nicht nur wegen seiner Steine so zu heißen.

Ostberlin ist eine Stadt im Übergang. Doch selbst das gefällt nicht jedem.

"Sieht gar nicht aus wie Osten", mäkelt ein Mann von auswärts. Er hat sich mit seiner Frau auf die Warschauer Brücke verlaufen. Der Bahnhof über dem Viadukt ist neu in altem Stil, die Oberbaumbrücke hinter ihm auch. Links blinkt der Fernsehturm, rechts rattert die S-Bahn zum Ostkreuz. Hierher hat man sich auch früher nur selten verirrt. Es stank nach Kohle, und nebenan war die Glühlampenfabrik von Narva. Ein paar wenige zog es zur Fotogalerie an den Helsingforser Platz. Dort fand ein bisschen Kunst statt, ein bisschen Welt und auch ein ganz klein bisschen Widerstand. Dort hing auch das Foto von der Sprengung des Gasometers an der Greifswalder Straße, 1984. Als das Industriedenkmal weg war - es hatte auch Proteste gegeben -, wurde der "Ernst-Thälmann-Park" gebaut. Plattenbauwohnungen, der Namenspatron steht noch heute als klotziges Monstrum an der Straße. Im nahen Buchladen wird ein Plattenbau-Quartett verkauft.

Der Friedrichshain, in der Nähe der einstigen Fotogalerie, ist heute die Gegend für Zwanzigjährige. Mit Kneipen in der Simon-Dach-Straße und Klubs wie dem Techno-Klub Matrix in den S-Bahn-Bögen. Hier endet die U 1, aus Zehlendorf. Von Zehlendorf ist außerhalb Berlins wenig die Rede. Von Kreuzberg-Friedrichshain umso mehr. Der westöstliche Bezirk ist PDS-regiert.

Die Kids, die auf Einlass warten, interessiert das wenig. Sie kommen in die Gegend, weil sie noch nicht so geleckt ist wie in Mitte oder am Kollwitzplatz. Weil es hier Brachen gibt, Spielflächen, Möglichkeiten, eine Zeit lang.

Auch hier gibt es Orte wie den alten Schlachthof, in den jetzt Büros, Filmleute und Stiftungen ziehen. Der so schick wird, dass es bald gar nicht mehr aussieht, als wär man im Osten. Nur Ausländer merken das noch immer. Sie fühlen sich unsicher und bleiben lieber in Mitte.