Ein Ritual vollzieht sich: Die Gewerkschaften stellen maßlose Forderungen, die Arbeitgeber empören sich. Und am Ende streiten sie sich um einen halben Prozentpunkt. Nun verlangt die IG Metall fünf bis sieben Prozent mehr für die kommende Lohnrunde - oder besser: Lohnschlacht. Auch nach Abzug der rituellen Übertreibung bleibt dieses Verlangen unverschämt, wie seine miserable Begründung zeigt.

Erstens will Obermetaller Klaus Zwickel mit mehr Geld für die Arbeitnehmer - und weniger für die Kapitaleigentümer - die Konjunktur beflügeln. Seine unbewiesene Annahme: Die Ärmeren geben im Vergleich zu den Reichen einen höheren Anteil des Einkommenszuwachses gleich wieder aus. Tatsächlich verfügen die Arbeitnehmer in diesem Jahr über mehr Kaufkraft als im vergangenen - und halten sich im Kaufhaus zurück. Sicher ist dagegen der andere Effekt hoher Lohnzuwächse: Wenn Arbeit teurer wird, ersetzen Arbeitgeber sie durch Maschinen oder fahren gleich die Produktion herunter.

Zweitens klagt die Gewerkschaft, sie habe sich vergangenes Mal - entsprechend der Verabredung im Bündnis für Arbeit - zurückgehalten, trotzdem seien kaum Jobs entstanden. Sie unterschlägt, dass Deutschland inzwischen vom Aufschwung in die Rezession geraten ist. Und sie beweist: Das Bündnis ist nur gut für Augenblickserfolge. Auf jede Konzession folgt irgendwann die Kompensation.

Und die wird dann teuer.

Drittens erklärt Zwickel, einige Mitglieder erwarteten sogar mehr als nun gefordert. Die IG Metall bildet wohl so eine Art Mittelwert aus den Forderungen in ihren Reihen. Tatsächlich können hochprofitable Unternehmen auch jetzt tief in die Tasche greifen, notleidende Firmen aber nicht. Schon ein Prozentpunkt mehr kann sie ins Aus befördern. Deshalb schlug Zwickel selbst vor, einen Teil des Lohns vom Unternehmensgewinn abhängig zu machen.

Arbeitgeber und Sachverständige sind für dieses Prinzip. Gewerkschafter brachten Zwickel wieder davon ab. So hat Deutschland diese Lohnrunde verloren, bevor sie beginnt.