Sagt die eine Verkäuferin zur anderen: "Du, 26 Stunden sind doch zwei Drittel von 35, oder?" Eifriges Nicken, Griff zur Plastiktüte, nächster Kunde bitte. Der fühlt sich glücklich, zwei Kassiererinnen zur selben Zeit, eine Seltenheit dieser Tage in Frankreichs Warenhäusern. Sonst aber üben die Franzosen das Schlangestehen. Ihre Ungeduld vertreiben sie sich mit einem Gesellschaftsspiel: Was denkst du von, was machst du mit deiner 35-Stunden-Woche? RTT heißt das Spiel, Réduction du Temps de Travail, wie verkürzt du deinen Rhythmus, wo doch manche Stunde weg muss?

Seit die Linksregierung unter Premierminister Lionel Jospin die Wochenarbeitszeit zum 1. Februar 2000 von 39 auf 35 Stunden verringerte, muss die Staatsbahn SNCF ihre Züge am Donnerstagabend verdoppeln, darf sich die Spitzenbeamtin über neun Wochen Jahresurlaub freuen und zücken die Kollegen der Pariser Tageszeitung Le Monde den Taschenrechner: Was ist denn nun schöner, mehr Freizeit pro Woche, im Monat, im Jahr? Oder doch lieber ein Zeitkonto für den frühen Ruhestand? Inzwischen arbeiten drei von vier Arbeitnehmern nur noch 35 Stunden.

In Kleinunternehmen und im öffentlichen Dienst gilt die Reform erst von diesem Januar an - was in diesen Tagen so manchen auf die Straße treibt und auf die Stimmung schlägt. Eben erst demonstrierten Polizisten und Krankenhauspersonal, dann die Verwaltungsangestellten und ratlose Bäckermeister, jetzt verbotenerweise die Gendarmen.

Seltsam, wie der Beginn einer neuen Arbeitszeit- und Arbeitsmarktpolitik nach der Regierungsübernahme der Linken zusammenfiel mit unerwarteten Wachstumsraten von über drei Prozent, die seit vier Jahren nun schon alle Resultate des Nachbarn ausstechen. "Frankreich übertrifft seinen deutschen Lehrmeister", applaudiert die FAZ. "Erfolgreiche Beschäftigungspolitik", lobt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Dabei verdeckt ein purer Vergleich zwischen den Wachstumsraten leicht das Originelle des französischen Erfolgs. Die Arbeitslosenquote stieg bis 1997 auf über zwölf Prozent und fiel seither auf knapp neun Prozent. Hatte Anfang der neunziger Jahre der damalige sozialistische Präsident François Mitterrand schulterzuckend gemeint, im Kampf gegen solche Zahlen habe man alles versucht (und nichts erreicht), so versuchte der Sozialist Lionel Jospin mit einer eigenwilligen Mischung das angeblich Unmögliche - und hatte Erfolg. "Ende dieses Jahres werden es rund zwei Millionen Arbeitsplätze sein, die während der vergangenen fünf Jahre entstanden sind", sagt der Ökonom Jean Pisani-Ferry vom Pariser Conseil d'Analyse Économique, einer Ideenfabrik, die Jospin bei seinem Regierungsantritt geschaffen hat. "Damit sind so viele Stellen wie in den gesamten 25 Jahren zuvor entstanden. Allein im Jahr 2000 kamen 580 000 neue hinzu - ein absoluter Rekord!" Zu Beginn der Legislaturperiode wurde der Smic, der Mindestlohn, um vier Prozentpunkte angehoben, wie sich das für eine Linksregierung gehört. Ein mehrjähriges Programm für Steuersenkungen wurde aufgelegt, allein die Privathaushalte wurden um fast zehn Milliarden Euro entlastet. Die öffentlichen Haushalte sollen bis 2004 ausgeglichen sein - 2006 scheint wahrscheinlicher.

Vor allem wurde bei der Arbeitsmarktpolitik viel versucht: Klassische Beschäftigungsprogramme wie die emploi-jeunes gegen die Jugendarbeitslosigkeit, das alte Erzübel der französischen Wirtschaft

eine neue Beschäftigungsprämie, die prime pour l'emploi, vergeben als Steuergutschrift, die vor allem Geringverdienern und Arbeitslosen Anreiz bieten sollte, auch eine niedrig bezahlte Arbeit anzunehmen. Allein im laufenden Jahr dürfte diese Prämie nach Schätzung der Finanzämter rund 15 Millionen Franzosen zugute kommen, mit durchschnittlich 229 Euro pro Person und Monat.

Die 35-Stunden-Woche begleitete die Regierung mit einer Absenkung der Abgabenlast bei Niedriglöhnen oder der Abschaffung der Lohnkomponente an der Gewerbesteuer. Das Pariser Wirtschaftsinstitut OFCE (Observatoire français des conjonctures économiques) erklärt in einer Studie, wie diese Reform sich bislang selbst finanziert, nämlich durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze.