Vermutlich war es einer dieser trüben Tage im trüben Wolfsburg, als sich Ferdinand Piëch dazu entschloss, endlich der Langeweile zu entfliehen und nach dem großen Glanz zu suchen. Das neue, ganz besondere Auto, das der VW-Chef plante, sollte nicht im niedersächsischen Nirgendwo zur Welt kommen, Piëch wollte für den Luxuswagen eine Luxusstadt. Bald schon stieß er auf Dresden. Die höfische Pracht gefiel ihm, vielleicht würde ja etwas von dieser Lust an der Selbstinszenierung auf den neuen D1 abstrahlen. Am liebsten hätte er die Fabrik gleich hinter der Semper-Oper gebaut, und die Stadtväter hätten diesen Plänen sogar zugestimmt. Doch das Grundstück war Piëch am Ende zu teuer, und so wich er aus an den Rand des königlichen Großen Gartens, nur zehn Minuten Fußweg vom Zentrum entfernt. Dort ließ er für satte 365 Millionen Mark ein erstaunliches Gehäuse errichten, ein Autohaus, das voll gepackt ist mit geheimen Sehnsüchten und Idealen. Es sei der "Zwinger des 21.

Jahrhunderts", sagt Gunter Henn, der Architekt.

Um dem neofeudalen Lusthaus, das in dieser Woche offiziell eröffnet wird, möglichst rasch die nötigen Weihen zu geben, wurden eigens ein paar Hofdenker geladen. Im Januar zieht Peter Sloterdijk mit seinem neuen Philosophischen Quartett in die Werkhallen, um metaphernsüchtig und ursprungsraunend die Welt für das Fernsehen zu befragen. Eingefädelt hat diese ideologische Aufwertung der Architekt Henn, ein Spezialist für Baukörper ebenso wie für Mythenbildung. Von ihm stammt auch die Idee für die Autostadt in Wolfsburg mit ihren Markenpavillons, die viel vom Überweltlichen erzählen und damit seit der Eröffnung im vorigen Jahr bereits 3,4 Millionen Sinnsucher angelockt haben. In Dresden hofft man nun auf ähnliche Zahlen - wieder wartet Henn mit einer Verheißung auf.

Eine Fabrik mitten in der Stadt

Wer dann allerdings vor dem neuen Autohaus steht, auf einen Zwinger hoffend, spürt kalte Enttäuschung. Eine Glaswand zieht sich nackt und erbarmungslos die breite Straße entlang, einzig die Plattenbauten gegenüber, die ochsenblutroten und lilablauen Kacheln, beleben die Front - durch ihr Spiegelbild. Man muss schon sehr genau hinsehen, um zu bemerken, wie sich in der grünlichen Riesenvitrine etwas rührt: Ein paar Autokarossen ziehen in Zeitlupe vorüber, ein paar Männer scheinen daran herumzuwerkeln. Soll das etwa die Sensation sein?

Sie ist es. Was über hundert Jahre lang undenkbar erschien, was bis heute allen städtebaulichen Meisterplänen widerspricht, durfte in Dresden Wirklichkeit werden: Volkswagen hat mitten in der Stadt, in Sichtweite von Wohn- und Schlafzimmern und gleich neben seltenen Blumen und Bäumen, eine Fabrik gebaut. Am Ende des Industriezeitalters, so das erklärte Ziel, werden die Arbeiter nicht länger abgeschoben ins graue Niemandsland der Gewerbegebiete, sie kehren zurück in die Stadt. Und VW begreift diese Rückkehr als etwas Neues, etwas Ungewohntes, das sich für die eigenen Zwecke wunderbar vermarkten lässt. Nicht nur das Auto, seine raffinierte Technik und glitzernde Schönheit sollen ausgestellt werden, auch die Herstellung, die ganz normale Arbeit, wird zum Garanten des Besonderen.

Dafür nimmt Piëch es sogar in Kauf, dass die alten Regeln des Fordismus durcheinander gewirbelt werden: VW produziert nicht mehr möglichst günstig, sondern möglichst spektakulär. So werden etwa die vielen tausend Einzelteile nicht per Lastwagen, sondern mit der Straßenbahn auf den Werkhof gefahren - man will Lärm und Luftverschmutzung vermeiden und ganz nebenbei beweisen, dass die alten Feindschaften ausgedient haben. Stadt und Fabrik, Bahn und Auto schließen Frieden.