Archidi J. hat kaum noch Überlebenschancen. Seit einer - wie es behördlich heißt - "Magenaushebung" am Sonntag liegt der 19 Jahre alte mutmaßliche Drogenhändler aus Kamerum im Koma. Fahnder hatten Archidi J. im Hamburger Problemviertel St. Georg dabei beobachtet, wie er eine Plastiktüte voller Crack-Kugeln verschluckte - kieselsteingroße Bröckchen aus Kokain und Backpulver. Ärzte flößten ihm daraufhin per Nasensonde das Brechmittel Ipecacuanha ein, einen eigentlich harmlosen Sirup aus der mexikanischen Brechwurzel, den bei Vergiftungen selbst Säuglinge zu trinken bekommen.

Aber der 26. Brechmitteleinsatz der Hamburger Polizei seit Einführung der umstrittenen Zwangsmaßnahme im August ging gründlich schief. Archidi J.

erlitt einen Herzstillstand, wenig später war er klinisch tot. Wer oder was daran schuld ist, kann wohl erst eine Obduktion klären. Für Hamburgs Innensenator Ronald Schill ist der "bedauerliche Vorfall" jedenfalls kein Anlass, den Brechmitteleinsatz zu überdenken. Die Hamburger Ärztekammer dagegen lehnt die gewaltsame Verabreichung des Stoffes nicht nur aus ethischen Gründen ab. Ihr Vorstand hält die medizinische Versorgung der Verdächtigen für unzureichend. Kein Wunder.

Denn der Brechmitteleinsatz dient nicht etwa der Lebensrettung des Drogenschluckers, sondern der "Beweismittelsicherung" nach Paragraf 81a Strafprozessordnung. Also der Strafverfolgung. Spätestens seit dem Wochenende ist zweifelhaft, ob dieser Zweck die erzwungene Magenentleerung rechtfertigen kann. Vor allem deshalb, weil es ein Verfassungsgrundsatz ist, dass niemand gezwungen werden darf, sich selbst einer Straftat zu überführen. Zwar erlaubt Paragraf 81a StPO körperliche Eingriffe, um Straftaten aufzuklären - typischerweise also Blutproben, Röntgenaufnahmen und Haarentnahmen. Anders als bei einem Promille-Check geht es aber beim Brechmitteleinsatz nicht in erster Linie darum, die Straftat aufzuklären, sondern das strafbegründende Corpus Delicti erst zutage zu fördern. Die Voraussetzungen dafür sollten speziell und präzise gesetzlich geregelt werden.

Vor zwei Jahren hat das Bundesverfassungsgericht eine Beschwerde gegen den Brechmitteleinsatz abgewiesen, weil es die Frage nicht für grundsätzlich bedeutsam hielt. Das ist jetzt wohl anders.