die zeit: Herr Gysi, durch die gescheiterten Gespräche in Sachen Ampelkoalition sind Sie nun in einer weit stärkeren Position als unmittelbar nach der Wahl. Was fängt die PDS mit ihrer Stärke an?

Gregor Gysi: Natürlich macht es einen Unterschied, ob man weiß: die können auch noch mit zwei anderen Partnern, oder ob dieser Versuch schon gescheitert ist. Und zu zweit ist es ohnehin einfacher als zu dritt. Hinzu kommt, dass SPD und PDS bei allen Unterschieden über ein ähnliches Image verfügen. Was unserem Image schadet, wird in der Regel auch dem Image der SPD schaden. Aber was nützt eine relativ starke Verhandlungsposition, wenn kein Geld zum Verteilen da ist, sondern ein riesiger Berg von Schulden?

zeit: Die Berliner SPD unter ihrem Vorsitzenden Strieder hat sich in den Jahren der Großen Koalition nicht gerade als eine Reformkraft erwiesen. Jetzt gibt es zwar einen neuen Bürgermeister, aber der Zweifel an der Erneuerungskraft der SPD bleibt. Und nun soll auch noch ausgerechnet die PDS zum Motor eines Reformprojekts werden? Geraten Sie nicht mit Ihren Stammwählern über Kreuz, wenn Sie die Strukturprobleme der Stadt wirklich angingen?

Gysi: Die PDS kann hier eine besondere Rolle spielen. Es gilt zum Beispiel die Eigenverantwortlichkeit der Senatoren zu stärken. Wir brauchen eine Budgethoheit für die einzelnen Ressorts, weil dadurch auch der Anreiz zum Sparen erhöht wird. Im Gegenzug müssen wir für bessere Kooperationen sorgen, zum Beispiel zwischen Wirtschaft und Wissenschaft, auch zwischen Kultur und Wirtschaft. Tourismusförderung und das Schicksal der Opernhäuser zum Beispiel haben miteinander zu tun.

zeit: Sie werden mit großer Wahrscheinlichkeit Senator in der neuen Regierung, womöglich Kultursenator. Wo liegen Ihre Prioritäten in der Hauptstadtpolitik?

Gysi: Lassen Sie mich es grundsätzlich sagen. Der Zweck einer Hauptstadt ist in Deutschland nicht geklärt. Das ist eine Hypothek der wechselhaften Geschichte seit 1871 - von den Hohenzollern über die Teilung bis zur Vereinigung. Die erste Frage lautet heute nicht, was Berlin von den anderen Regionen Deutschlands zu bekommen hat, sondern was diese von einer Hauptstadt haben, um die andere Frage stellen zu können. Berlin muss für sich selbst klären, was wir können und was wir nicht können. Wir werden sicher nicht mehr der attraktive Industriestandort in Deutschland werden. Aber es gibt Felder, auf denen wir Beachtliches leisten können. Wir haben neben der Kultur ein großes Wissenschafts- und Forschungspotenzial. Und wir sind hier in Berlin in einer exzellenten Position, um eine Mittlerstellung zwischen West- und Osteuropa einzunehmen. Die EU-Osterweiterung ist eine echte Chance.

zeit: Was würde die PDS in der Kulturpolitik erreichen wollen?