Leonard Shelbys Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind in zwei Sätzen aufgehoben. Die beiden Sätze stehen breit auf Shelbys Brust. Sie sind eintätowiert. Der eine lautet: "John G. hat meine Frau vergewaltigt und umgebracht." Der andere: "Finde und töte ihn." Shelbys Existenz ist weitgehend auf seinen Körper und dessen Merksätze zusammengeschnurrt. Denn damals, bei John G.s Überfall, hat Shelby mit einem Schlag sein Kurzzeitgedächtnis verloren. Alles, was seitdem geschieht, verblasst binnen weniger Minuten. In Fetzen erinnert sich Shelby an die Zeit vor der Tat.

Danach: an nichts mehr. Ihm bleiben nur ein paar Polaroids und Notizen zur alltäglichen Orientierung, jeweils ein schmaler Streifen Jetztzeit - und sein Rachedurst.

John G. raped and murdered my wife und Find him and kill him, diese beiden Sätze scheinen sich aufs Beste zu ergänzen, und doch passen sie auf Leonard Shelbys Brust nicht recht zueinander. Einer ist spiegelverkehrt tätowiert. Es folgt also im Grunde nicht der zweite Satz aus dem ersten

stattdessen stehen beide gegeneinander. Shelby möchte mit der Rache seine Welt wieder ins Lot bringen. Er würde sie aber darin versenken. Erreichte er sein Ziel, wäre all sein Antrieb dahin, das Leben sinnlos geworden. Walter Benjamin hat einmal etwas über Karl Kraus geschrieben, was auch auf die Hauptfigur von Christopher Nolans abgründigen Thriller Memento zutrifft: "Lessings berühmter Satz, wenn Gott in seiner einen Hand die Wahrheit, in seiner anderen das ewige Streben nach ihr mir entgegenhielte, ich würde die zweite wählen

diesem Satz könnte Kraus das Pendant stellen: Wenn Gott mir in einer Hand die Aufhebung des Übels und in der anderen seine ewige Vernichtung entgegenhielte und ließe mich wählen, ich würde die zweite wählen." Leonard Shelbys Wille zur Rache erhält ihm den Willen zum Leben. Mit seinem Gedächtnis hat er die Identität verloren - bis auf den ganz eigenen mörderischen Antrieb. Darf er den je stillen? Was, wenn er John G. nun fände und umbrächte? Er würde es gleich wieder vergessen. Wie traurig. Nein, wie glücklich. Denn nur so ginge das Leben weiter: weil dessen innerster Antrieb nie versiegte.

Memento ist ein existenzialistischer, experimenteller Film noir, eine Kreuzung aus B-Movie und Konzeptkunst, ein dramaturgisches Abenteuer über Zeit und Erinnerung, Illusion und Identität, ein rasantes Werk, das auf kleinstem Raum dahinjagt und dabei sehr weit herumkommt - und das auch noch im Rückwärtsgang. Zu Beginn flappt jemand ein eben belichtetes Polaroid hin und her. Das frische Bild zeigt kurz einen blutüberströmten Menschen, dann wird es hell und heller, schließlich wieder ganz weiß, dann saugt die Kamera den Abzug zurück in ihre Black Box. Der Leiche am Boden fliegt die Kugel wieder aus dem Kopf heraus und zurück in die Waffe. Eine Tat ist ungeschehen gemacht durch die Umkehr der Zeit.

Das gibt die Richtung vor, in der sich Christopher Nolan durch seinen Stoff bewegt. Jede folgende Sequenz erzählt ein Stück Vorgeschichte zur vergangenen. Statt Und dann ..., und dann ... sagt der Film beständig Und davor ..., und davor ... Am Ende sind zwei Tage vergangen beziehungsweise noch einmal andersherum aufgerollt, Szene für Szene vom Abend her gen Morgen. Die ganze Wahrheit über Leonard Shelby kommt nicht heraus, aber ein Bündel von Lügen. Als Zuschauer fällt man zunächst auf die Lügen herein wie Shelby selbst, an dessen Fünfminutengedächtnis Nolan seinen Erzähltakt anlehnt.