Was haben wir Berliner wieder für ein Schwein! Jetzt sind wir bundesweit die Ersten, die sogar im Nachtleben überwacht werden. Automaten-Verein heißt der erste Club, natürlich im Regierungsbezirk Mitte, in dem die Partygänger kurz nach Passieren des Türstehers nicht nur ihre Garderobe ab-, sondern ihre gesamte Identität preisgeben. Offenbar hat die Partygeneration nicht das geringste Problem damit, ein gläserner Clubber zu sein. Im Gegenteil. Die selbstverliebten Szeniasten sind hoch geschmeichelt über jedwede Form von Aufmerksamkeit, selbst wenn sie von behördlicher Seite kommt, und warten süchtig auf Gelegenheiten, der Anonymität der Massen zu entfliehen.

Im Automaten-Verein sieht das folgendermaßen aus: Die Daten eines jeden Gastes, der zu diesem Zweck extra in den Verein eintritt, werden auf einer Chipkarte gespeichert. Ob neben Name, Alter und Beruf auch noch spezielle Vorlieben und Abneigungen registriert werden, ist derzeit noch Geheimnis der Betreiber, die in wenigen Wochen eröffnen wollen. Fest steht jedoch schon, dass es so etwas wie eine Buddy-Liste gibt. Wenn also zum Beispiel meine Karte durchs Lesegerät gezogen wird, erfahren automatisch ein paar der Feierfavoriten, die ich vorher angegeben habe, per SMS von meiner Anwesenheit im Club. Wer sich nach so einer Behandlung noch nicht wichtig fühlt, ist zu bemitleiden.

Die Idee kommt übrigens aus New York, da ist man in der Politik wie im Nachtleben noch weniger zimperlich mit den Bürgerrechten als bei uns. Im szenigen East Village haben drei Barmänner die Remote Lounge eröffnet, wo sich wirklich alle nach Herzenslust gegenseitig bespitzeln können. 60 Webcams sind hier installiert und dürfen an Cocktail-Konsolen von den Gäste bedient werden. Per Joystick kann der Interessierte auf Dekolletés und Hinterteile fokussieren und bei Gefallen mit dem Observierten Kontakt aufnehmen: über Computerbotschaften oder per Telefon. Die Betreiber behalten sich vor, die Bilder zu speichern, um detaillierte Profile über Trink-, Abschlepp- und Tanzgewohnheiten ihrer Stammkundschaft zu erstellen.

Das wiederum ist auch für Verdächtige aller Art eine schöne Sache. Als neue Form der Alibibeschaffung. Wer clubbt, sündigt nicht. Und Innenminister Schily hat seine helle Freude: Während alle Welt auf seinem Otto-Katalog herumhackt, hat ihn die Realität längst überholt.

Die Autorin moderiert und leitet das TV-Magazin Polylux, jeden Montag um Mitternacht in der ARD