Wenn die Palästinenserin Hanan Ashrawi über den Ingenieur Jahja Ajash spricht, dann nennt sie ihn schwärmerisch "unseren Märtyrer". Ajasch, einer der Führer des militärischen Zweigs von Hamas, organisierte Mitte der neunziger Jahre eine Serie von Selbstmordattentaten in Israel, bei denen 70 Israelis starben und 340 schwer verletzt wurden. Der israelische Inlandgeheimdienst Shin Beth tötete Ajash 1996 mithilfe eines Handys, das mit Sprengstoff präpariert war. Nach seinem Tod wuchs das Ansehen Ajashs bei der palästinensischen Bevölkerung ins schier Unermessliche. Schulen und Straßen wurden nach ihm benannt, und die Jugend Palästinas sieht in ihm ein Idol, dem sie nacheifern will.

72 Prozent der palästinensischen Jugendlichen sind inzwischen selber zu Selbstmordattentaten bereit - so viele wie noch nie. Seit Beginn der zweiten Intifada vor 15 Monaten werden Selbstmordattentäter geradezu glorifiziert, ihre Anschläge von immer mehr Menschen gutgeheißen. Das ergab die jüngste Meinungsumfrage des Jerusalem Medium and Communication Center. Seit drei Jahren erforscht das Institut, mit Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stiftung, regelmäßig die Seelenlage der Palästinenser.

Zuletzt wurden im September dieses Jahres 1198 Personen befragt, 758 in Westjordanland und 440 im Gaza-Streifen.

Die Palästinenser haben ihr Vertrauen in den Friedensprozess verloren. Einer politischen Verhandlungslösung mit Israel und der Fortführung des in Oslo begonnenen Friedensprozesses räumen sie kaum noch Chancen ein. Nur noch 29,2 Prozent von ihnen unterstützen die Osloer Verträge. Obwohl die Intifada die wirtschaftliche Situation der Palästinenser dramatisch verschlechtert hat, plädieren 85,3 Prozent für ihre Fortsetzung. Fast ebenso viele, 84,6 Prozent, befürworten "bewaffnete Operationen" - ein Euphemismus, der für Attentate von Hamas oder des Dschihad el Islami steht. Der Anteil derer, die sie ablehnen, ist auf 9,9 Prozent gesunken.

Als Ziel, zu dem die Intifada führen soll, nennen 40,3 Prozent der Befragten die Errichtung eines palästinensischen Staates in den von Israel besetzten Gebieten Westjordanland und Gaza-Streifen, einschließlich einer Lösung der Jerusalem-Frage. 48,6 Prozent der Palästinenser aber erhoffen sich mehr: die "Befreiung" ganz Palästinas, mit anderen Worten: die Beseitigung Israels.

Die Lösung des Jerusalem-Problems kann für 42,6 Prozent der Befragten nur darin liegen, Ost- und Westteil der Stadt miteinander zu vereinen und zur Hauptstadt eines palästinensischen Staates zu machen. Nur noch 17,9 Prozent befürworten eine Teilung Jerusalems, mit dem Ostteil als Hauptstadt Palästinas und dem Westteil als Kapitale Israels. Und gar nur 2,3 Prozent unterstützen die Idee, die heiligen Stätten gemeinsam zu verwalten, wobei der Ostteil der Stadt unter palästinensischer und der Westteil unter israelischer Herrschaft stünden.

Die Befragung macht vor allem eines klar: Die palästinensische Gesellschaft ist nach gut einem Jahr Intifada nicht auf eine Verhandlungslösung mit schmerzhaften Kompromissen auf beiden Seiten vorbereitet. Sie ist auch nicht mehr bereit dazu. Nach über drei Jahrzehnten Besatzung und nach einem achtjährigen Friedensprozess, der die Situation der Palästinenser verschlechtert hat, sehen die meisten von ihnen nur noch den Kampf als erfolgversprechendes Mittel an.