Ausgerechnet im glitzerndsten Einkaufszentrum Berlins, dem Quartier 205 an der Friedrichstraße, das sich mit seinen Gucci- und Cerruti-Shops an der oberen Luxusklasse orientiert, hat sich ein unverschämter Billiganbieter eingenistet: Unter dem entwaffnenden Titel 1. Berliner Kunstsupermarkt werden hier kistenweise Originalgemälde verkauft - zu Festpreisen, wie es in der Werbebroschüre heißt. Jetzt schon ab DM 99,-!

Die Verkaufsgalerie ist ein Gegenentwurf zu den Treffpunkten elitärer Kunstzirkel. Einkaufsbummler auf dem Weg vom Footlocker zur Cappuccino-Bar gegenüber geraten fast unweigerlich in die Ausstellung hinein, Glaswände signalisieren Offenheit, es gibt keinerlei Schwellen, die die nach ihnen benannten Ängste auslösen könnten. Entsprechend gut besucht ist der Markt im weihnachtlichen Kaufrummel: Beladen mit H&M- und DKNY-Tüten, durchstöbert die Laufkundschaft die Sonderangebote. Ich bin mir sicher, sagt die freundliche Verkäuferin an der Kasse, dass die meisten unserer Kunden noch nie eine Galerie betreten haben.

Entspannt lässt es sich hier nach teppichkompatiblen Wandbehängen suchen - oder auch, leicht verdattert durch diese Kollision von Kunst und Kommerz, über das Wesen der Kunst reflektieren.

Auf den ersten Blick wirkt die Präsentation der Kunstpreisknaller etwas lieblos: In gleißender Eurospar-Neonbeleuchtung, aufgereiht wie Dosensuppenregale, stehen ein paar Dutzend Sperrholzkästen nebeneinander: Für jeden Künstler eine Kiste. Darin postkarten- bis posterformatige Leinwände, zum Durchblättern. Die meisten Werke gibt es gleich in fünf bis zehn kaum voneinander abweichenden Varianten. Ganz vorn in jeder Kiste findet sich ein Blatt mit einem Lebenslauf des Urhebers, inklusive Lichtbild. Aus den Biografien geht hervor, dass viele Architekten ihre Kreativität gern außerhalb ihrer Bauprojekte entfalten, Entsprechendes scheint für Ärzte und Lehrerinnen zu gelten.

Die Summen auf den knallroten Preisaufklebern scheinen auf Quadratzentimeterpreisen zu basieren: Für 99 Mark gibt's die Postkartenformate, über DIN-A-4-Gemälde für 199 Mark geht es hinauf zu Großformaten für 399 Mark. Die ganz große Kunst kostet hier durchweg 599 Mark.

Feinere Qualitätsunterschiede werden in der Preisgestaltung nicht berücksichtigt. Stellt sich ein Motiv als Verkaufsschlager heraus, erklärt die Verkäuferin, werden sofort weitere Produkte aus derselben Serie nachgeordert

die Künstler sind über eine Provision an den Verkäufen beteiligt und liefern gern und schnell.