Ich kann Griechisch reden und lesen, aber nicht verstehen", sagt der Schüler Antonius in Henry Winterfelds Kinderbuchklassiker Caius ist ein Dummkopf. So ähnlich wie dem römischen Schuljungen geht es einer (zu) großen Zahl von deutschen Kindern, und zwar nicht mit einer Fremd-, sondern mit der eigenen Muttersprache.

Rund neun Millionen Deutsche lesen und schreiben so schlecht, dass sie de facto als Analphabeten gelten müssten, sagt der Geschäftsführer der Mainzer Stiftung Lesen, Klaus Ring. Die Zahl ist aus älteren Untersuchungen hochgerechnet und mag auch hoch gegriffen sein

sie wird aber durch die OECD-Studie Literacy, Economy and Society von 1995 gestützt, wonach 14 Prozent der Deutschen nur über die allerschlichteste Lesefähigkeit verfügen: Sie können zwar mit Mühe einen einfachen Aussagesatz verstehen, sind aber schon überfordert, wenn sie daraus eine Schlussfolgerung ziehen und diese schriftlich formulieren sollen.

Dieser düstere Befund wird nun durch die noch dramatischeren Ergebnisse der Pisa-Studie übertroffen: Insgesamt 23 Prozent der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler in Deutschland kommen beim Lesen über das elementare Niveau nicht hinaus. Fast zehn Prozent von ihnen lesen so schlecht, dass sie selbst der Kompetenzstufe I (Lokalisieren von Informationen, Erfassen des Hauptgedankens) nicht gewachsen sind. Unsere Gesellschaft hat allen Grund, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie dem Trend zur Enttextlichung Einhalt gebieten kann.

Wie die OECD-Untersuchung von 1995 beschränkt auch Pisa den Begriff der Reading Literacy nicht auf das Entziffern von Worten und Texten. Die Testaufgaben sollen vielmehr fünf Schichten der Lesefähigkeit überprüfen: Hat der Leser ein grobes allgemeines Verständnis des Textes? Kann er spezifische Informationen aus einem Text heraussuchen? Ist er in der Lage, eine Interpretation des Textes zu entwickeln? Kann er ihn zu anderen Quellen in Beziehung setzen? Erkennt er Merkmale wie Ironie, Humor, logischen Aufbau?

Die Untersuchung unterscheidet zudem zwischen "kontinuierlichen" und "nichtkontinuierlichen" Texten - testet also auch, wie die Jugendlichen mit Literaturverzeichnissen, Tabellen, amtlichen Formularen, Quittungen und Grafiken zurechtkommen, die Fließtexte durch Zahlenmaterial ergänzen. "In der Pisa-Studie wird Lesekompetenz als Fähigkeit definiert, geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen und über sie zu reflektieren, um eigene Ziele zu erreichen, das eigene Wissen und Potential weiterzuentwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen", heißt es ein wenig technokratisch in dem "Rahmenkonzept" des deutschen Pisa-Konsortiums, das im Internet unter www.mpib-berlin.mpg.de/pisa zu finden ist.

An der Erfahrung mit literarischen Texten, an der Fähigkeit, zwischen funktionaler und ästhetischer Sprache zu unterscheiden, waren die Bildungsforscher offensichtlich weniger interessiert. Das relativiert nichts am schlechten Abschneiden der deutschen Schüler