Es sind nie zuvor gehörte Lockrufe, die der Wind vom türkisblauen Meer an die Inselküste trägt. Ein Konzert von Girren, Gurgeln und Fiepsen. Man wagt sich auf den zerklüfteten Felsen ein paar Meter nach vorn - und sieht noch immer nichts. Kein Seeungeheuer, nichts, was einem die Geräusche erklären könnte. Eine Minute, zwei, vielleicht auch drei, dann tauchen weit draußen im Wasser anthrazitfarbene Gestalten auf und tauchen wieder ab. Das sind sie, die legendären Seefrauen, koreanisch: haenyo. Ob sie die Töne von sich geben?

In Korea ist vieles exotisch. Warum nicht auch das Meeresleben?

Oh Keum Sook zieht sich aus dem Wasser und setzt sich auf eine Felsplatte.

Sie ist eine der in Volkslieder besungenen und auf Postkarten lächelnden Taucherinnen der südkoreanischen Urlaubsinsel Jeju. Die haenyo gelten als lebende Wahrzeichen. Seit Generationen gehen die Frauen an 15 nach dem Mondkalender festgelegten Tagen ins Wasser. Zwischen den Felsritzen suchen sie mit archaisch wirkenden Messern und Eisenhaken nach Muscheln, Seeigeln und anderem Getier, oft sechs, sieben Stunden am Stück. Und tragen so zum Lebensunterhalt der Familien bei. Sie tauchen zu zweit oder auch in großen Gruppen, weil die Arbeit in der rauen See gefährlich ist. Schon manch ein koreanischer Regisseur hat den Schamaninnen des Meeres ein Denkmal gesetzt.

Ein Berg, wie vom Himmel gefallen

Seejungfrauenromantik, für die Oh Keum Sook nicht viel übrig hat. Wie alle Mädchen auf der Insel habe ich mit sechs Jahren schwimmen gelernt, sagt sie, mit 13 fing ich an, regelmäßig zu arbeiten. Es gab für uns keine andere Möglichkeit, Geld zu verdienen. Oh Keum Sook ist heute 51 Jahre alt, und sie ist, wie alle Taucherinnen auf Jeju, ein biologisches Wunder. Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die Frauen von Jeju ein erweitertes Lungenvolumen haben - eine physische Anpassung an höchst ungewöhnliche Lebens- und Arbeitsbedingungen.

Die besten von ihnen können ohne Sauerstoffzufuhr minutenlang unter Wasser bleiben. Weiße Styroporkugeln halten ihre Erntekörbe an der Wasseroberfläche.

Und die Lockrufe? Frau Oh lächelt. Auf diese Weise versichern wir uns untereinander, dass alles in Ordnung ist, sagt sie. Jeder Mensch gebe solche Geräusche von sich, wenn er so lange unter Wasser gewesen ist.

Die haenyo sind in Korea als Taucherinnen berühmt - und wegen ihrer unweiblichen Eigenwilligkeit berüchtigt. Auf dem Festland gibt es so selbstbewusste Frauen nur selten. Aber auf Jeju ist vieles anders als im restlichen Korea, nicht nur der Slang und das Klima. Mitten im Gelben Meer, nicht weit von Japan, ragt seit 1000 Jahren ein erloschener Vulkan aus dem subtropischen Grün. Die eiförmige Insel um den Mount Halla wird gern mit Hawaii verglichen, aber auch mit Mittelmeerregionen, der Osterinsel und Irland. Alle diese Vergleiche stimmen, obwohl Jeju so klein ist, dass man es in zwei, drei Autostunden umrunden kann. Es hat etwas Seltsames, auf so engem Raum Tropfsteinhöhlen und Mandarinenplantagen, verwunschene Bambuswälder und heilige Schreine, bizarr geformte Steilküsten, Pampasgrasfelder, gepflegte Sandstrände und wilde Azaleenhaine entdecken zu können. Die touristische Infrastruktur ist perfekt erschlossen, Einheimische und Japaner haben im Urlaub keine Zeit zu vertrödeln. Selbst bei der Erkundung von Mythen und Magie, für die Jeju bekannt ist, zeigt sich der asiatische Tourismus zielstrebig. An einigen Sehenswürdigkeiten wird versucht, Besuchern die Geschichte der 18 000 lokalen Gottheiten als kurze Folkloredarbietung nahe zu bringen. Wie präsent die Magie noch ist, zeigt sich auch unter den Seefrauen: Einmal im Jahr beten sie vier Wochen lang zur Göttin des Ozeans, die dem Glauben nach dann auf die Insel kommt und ihr Fisch- und Muschelreichtum beschert.

Bevor die Touristen kamen, lag Jeju weitab vom restlichen Weltgeschehen.

Verarmt und irgendwie vergessen. Der schamanisch geprägte Alltag schien sich kaum in der Gegenwart abzuspielen. Einzig eine kleine Gemeinschaft von Verbannten - fast ausnahmslos politisch Verfolgte - mischte sich Anfang des 20. Jahrhunderts unter das Inselvolk und half ein rudimentäres Bildungssystem aufzubauen. Aber noch in den sechziger Jahren war die Armut auf der Insel so groß, dass viele Bewohner versuchten, im nahen Japan als Illegale ein Leben in der Moderne zu beginnen. Auch die heute 63-jährige Kim Chang Hwa. Ich wollte nicht weiter als Taucherin arbeiten. Damals hatten wir ja noch nicht einmal Neoprenanzüge, sondern nur diese dünnen Baumwollkleider, erinnert sie sich. Es war besonders im Winter so kalt, dass keine von uns länger als 20 Minuten im Wasser bleiben konnte. Nun ja - ich hatte aber kein Glück in Japan, bin schon in der ersten Woche geschnappt worden und saß sechs Monate im Gefängnis.

Heute geht kaum jemand mehr nach Japan. Stattdessen kommen die Japaner zu Tausenden auf die Insel. Sie können visafrei einreisen, relativ günstig Urlaub machen und vor allem nach Herzenslust rohen Fisch und all die anderen Meeresfrüchte genießen, die die Taucherinnen aus dem glasklaren Wasser holen.

Wie auf dem koreanischen Festland sind diese Delikatessen auch in Japan begehrt und entsprechend teuer. Das ist der Grund, warum Jeju in den siebziger Jahren einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte, der dem auf dem Festland in nichts nachstand. Früher reichte unsere Ernte gerade mal zum Überleben, erzählt Oh Keum Sook. Doch als der Export nach Japan in Schwung kam, hat sich unser Leben enorm verbessert. Heute bringt es eine erfahrene Taucherin auf ein Monatseinkommen, mit dem wir unseren Kindern sogar ein Studium finanzieren können. Es hängt natürlich davon ab, wie gut eine haenyo ist. Und vom Glück.

Mein Mann hat sich tot gesoffen

Oh Keum Sook ist die Präsidentin der Fischereigenossenschaft von Shi Heungni, einem winzigen Dorf an der Ostküste. Eigentlich bin ich viel zu jung für diese Position. Normalerweise müsste unsere älteste Taucherin - sie ist 78 Jahre - die Chefin sein. Nun, die Dinge ändern sich mit der Zeit. Jedes Dorf an Jejus Küsten hat eine solche Genossenschaft, in der die 5500 haenyo ihre Ernte abgeben. In Oh Keum Sooks schlichtem Büro steht ein PC und ein Faxgerät, aus ihrem Fenster blickt sie auf den sagenumwobenen Sunrise Peak, einen fast quadratischen Berg, der einem vom Himmel gefallenen Paket gleicht.

Von den 160 Mitgliedern der Genossenschaft sind 139 Taucherinnen, die 21 Männer sind Fischer. Aber Männer haben hier nicht viel zu sagen. Auch das hat Tradition auf der Insel.

Auf die Frage, warum nicht auch Männer nach den kostbaren Meeresfrüchten tauchen, wissen die beiden Taucherinnen, die ansonsten gar nicht auf den Mund gefallen sind, zunächst keine Antwort. Frau Oh reagiert fast so perplex, wie wenn man hierzulande einen Bauunternehmer fragen würde, warum er keine Frauen einstellt. Schließlich erklärt Kim Chang Hwa: Früher oder später fangen die Männer hier ja alle an zu trinken. Und mit einem Kater kann man nicht tauchen. Mein Mann zum Beispiel war Alkoholiker. Er hat sich vor 24 Jahren tot gesoffen. Ich musste unsere drei Kinder allein großziehen.

Kim Chang Hwa ist eine der vielen haenyo, die damals die Zeichen der Zeit erkannten. Vom Ersparten wurde nämlich nicht nur die Ausbildung der Kinder finanziert. Die Taucherin baute außerdem ein Haus, dessen oberstes Stockwerk mehrere Gästezimmer hat. Im typisch koreanischen Pensionsstil, mit Fußbodenheizung und identischem PVC-Belag an allen vier Wänden, an der Decke und auf dem Boden. Vom Fenster aus sieht man den Taucheranzug auf der Wäscheleine, im Hof sind Algen zum Trocknen ausgebreitet. Ich bin stolz auf das, was ich geleistet habe. Und sehr froh, dass meine beiden Töchter im Büro arbeiten und nicht tauchen müssen. Wir sitzen im Wohnzimmer, allerdings vor dem Sofa, weil Kim Chang Hwa es auf dem Fußboden viel bequemer findet. Die meisten meiner Gäste sind Japaner. Und koreanische Hochzeitsreisende.

Europäer kommen bisher nur vereinzelt.

Flitterwochen beginnen für Koreaner am Sonntagabend, nach der Zeremonie. Dann fliegen die frisch Vermählten zu ihrer favorite honeymoon destination und bleiben bis Mittwoch oder Donnerstag - länger dauern koreanische Flitterwochen selten. Es gibt aber auf Jeju so viele kalenderblattschöne Wasserfälle, magische Orte und Folkloredörfer zu besichtigen, dass nur diejenigen das Pensum in vier Tagen schaffen, die sich einen Taxifahrer-cum-Tourguide mieten. Viele Paare nehmen diesen Service auch deswegen gern in Anspruch, weil die Taxifahrer von Jeju stets eine Fotoausrüstung bei sich haben, um die Kunden in klassischen Posen für das Flitterwochenfotoalbum ablichten zu können. Hin und wieder entstehen deshalb vor besonders beliebten Motiven Warteschlangen von Paaren im Partnerlook.

Gleiche Kleidung scheint in koreanischen Flitterwochen ein modisches Muss, geringelte Pullover zum Beispiel.

Diese ganze Hochzeitsfotokultur wirkt ansteckend. Irgendwann möchte man sich auch als gemeine Touristin in den blumenumrankten Metallherzen fotografieren lassen, im Vordergrund ein blühendes Rapsfeld, im Hintergrund die malerische Küste. Oder lieber vor dem Mandarinenbäumchen mit der Miniaturfischerhütte und einem Original-Jeju-Pony an der Hand? An einigen strategisch günstigen Orten hat sich inzwischen so mancher Bauer von der üblichen Landwirtschaft verabschiedet und baut das ganze Jahr über Raps an - ausschließlich zur Vermietung als blühender photospot.

Wie überall, wo sich der Tourismus als funktionierende Industrie etabliert, ist auch hier die Klage zu hören, dass vom alten Jeju kaum etwas übrig geblieben ist. Zumal die koreanische Insel ein Austragungsort der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 sein wird, das neue Stadion ist schon fast fertig. Beflügelt von der WM-Euphorie, haben einige Lokalpolitiker kühne Zukunftspläne ins Auge gefasst: Jeju soll zu einer Freihandelszone und internationalen Konferenzhochburg entwickelt werden. Zu diesem Zweck werden die Straßen breiter ausgebaut und die Parkanlagen der Luxushotels an den feinen Sandstränden immer perfekter manikürt. Fast jedes Wochenende finden Festivals statt, auf denen abwechselnd Azaleen-, Mandarinen- und Little Fish-Königinnen gekrönt werden. Und an besonders sehenswerten Orten der Insel wird die Landschaft mit klassischer Musik beschallt, um die Naturschönheit für Besucher noch attraktiver zu machen. Vivaldi und Bach scheinen hierfür besonders geeignet.

Den Touristen aus Tokyo und Seoul gefällt's. Auf Reisende aus der Alten Welt wirken die vertrauten Klänge befremdlich. Sie fühlen sich von ihnen wie in ein Science-Fiction-Ambiente gebeamt. Und schon ist man wieder drin im typisch asiatischen Zeitloch zwischen Zukunft und Vergangenheit. Für Europäer ist es eine echte Herausforderung, die archaischen Gesänge der Taucherinnen mit dieser Art moderner Naturbeschallung in Einklang zu bringen.

Information

Anreise: Korean Air und Air France fliegen mehrmals die Woche nach Seoul.

Der Flug mit Air France kostet zu Jahresanfang inklusive Gebühren 1826, der Flug mit Korean Air von Seoul nach Jeju je nach Tarif 80 bis 270 Mark

Inselprogramm: Es gibt eine perfekt funktionierende touristische Infrastruktur, die allerdings fast ausschließlich auf koreanische und japanische Besucher zugeschnitten ist. Lucy Kang (E-Mail: lucykang@hanmail.net, Mobiltel. 0082-11/728 68 19) bietet englischsprachigen Gästen einen individuellen Service an, der von der Hotelbuchung über das Abholen am Flughafen bis hin zu einoder mehrtägigen Orientierungstouren maßgeschneidert wird

Urlaubsaktivitäten: Wandern, Trekking, Mountainbiking, Reiten, Paragliding, Tauchen, Golf - und natürlich Schwimmen. Darüber hinaus gibt es auf Jeju eine enorme Zahl von Museen: das Haenyeo-Museum, das Unabhängigkeitsmuseum, das Teemuseum, das Folkloremuseum ... bis hin zu einem Teddybärmuseum

Beste Reisezeit: April bis Juni (Azaleenblüte) oder September bis Mitte November. Im Sommer ist Jeju zumeist komplett ausgebucht und überlaufen, außerdem gibt es oft schwere Taifune

Unterkunft: Das Shilla-Hotel (Tel. 0082-64/738 44 66, Internet: cheju.shilla.net) bietet First-Class-Luxus direkt am Strand. Die Preise für ein Doppelzimmer beginnen bei umgerechnet 430 Mark. Ein Doppelzimmer im Holiday Inn kostet zurzeit etwa 170 Mark. Inmitten eines abgelegenen Kamelienparks kann man elegante, großzügige Apartmenthäuser mit Meerblick mieten. Sie kosten für vier bis sechs Personen zirka 340 Mark pro Tag (zu buchen über Lucy Kang). Die Pension von Frau Kim Chang Hwa, Ilchool Minbak, in Shinyang eignet sich für Low-Budget-Reisende. In Pensionen sollte man Bettzeug mitbringen, die Preise liegen im Durchschnitt etwa bei 50 Mark

Auskunft: Korea National Tourism Organisation, Baselerstraße 48, 60329 Frankfurt am Main, Tel. 069/23 32 26, Fax 25 35 19, Internet: www.koreatour.de