die zeit: Herr Voss, 1988 haben Sie unter Peter Zadeks Regie den Juden Shylock aus Shakespeares Kaufmann von Venedig gespielt. Sie verwandelten den gedemütigten Geldverleiher in einen kühlen, westlichen Geschäftsmann, der am Ende ungebrochen von der Bühne geht. Nun spielen Sie unter Zadeks Regie Barabas, den Juden von Malta des Christopher Marlowe. Barabas lässt sich, anders als Shylock, nicht widerstandslos demütigen

er schlägt mörderisch zurück. Als die Christen ihn um sein Vermögen bringen, richtet Barabas auf Malta ein Blutbad an. Diesen Juden werden Sie wohl als Monstrum spielen müssen. Darf das ein deutscher Schauspieler?

Gert Voss: Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dieses Stück zu machen, hätte nicht Zadek, der selber Jude ist, es mir angeboten. Ich wüsste keinen anderen Regisseur, mit dem ich das riskieren würde. Zadek empfindet das Stück als äußerst aktuell. Jeder darin gebraucht die Religion, um Macht und Reichtum zu erringen. Das Stück passt in unsere Zeit. Heute feiert der Kapitalismus seine wildesten Feste

es tobt sich eine Geldmacht aus, wie man es sich vor 20 Jahren noch nicht ausdenken konnte.

zeit: Barabas ist ein Rächer. Sein unbedingter Hass hat etwas Terroristisches. Wenn er die Möglichkeit hätte, würde er ein Flugzeug auf Malta stürzen lassen.

Voss: Aber er würde nie sein eigenes Leben riskieren. Er würde den Befehl geben, aber nicht selbst mit hinunterstürzen. Er führt einen Ein-Mann-Krieg, allein für seine eigenen Bedürfnisse. Seine enorme Fantasie macht ihn unberechenbar. Er ist eigentlich ein kapitalistischer Künstler, ein Künstler der Vermögensvermehrung.

zeit: Wenn Sie Shylock und Barabas vergleichen ...