Neue, alte Wirtschaft

Vor kurzem noch wurde die New Economy als Keimzelle eines "goldenen Zeitalters" gepriesen, in dem bisherige ökonomische Gesetzmäßigkeiten keine Gültigkeit mehr besäßen. Jobmaschine, Wachstumsmotor, Einkommensgenerator, Geldautomat, Antikrisenpuffer, Produktivitätsbeschleuniger, Unternehmensmacher - mit solchen Schlagworten wurde die neue Wirtschaft charakterisiert.

Seit der rasanten Abwärtsrallye am Neuen Markt, begleitet von einer Entlassungswelle in der New Economy, sind derartige Frohbotschaften verstummt oder gar in einen ebenso übersteigerten Abgesang umgeschlagen. Jenseits solcher überzogener Einschätzungen zieht der Bremer Ökonom Rudolf Hickel in seinem jüngsten Buch Bilanz. Seine These: Auch für die New Economy gelten keine neuen ökonomischen Gesetzmäßigkeiten, die jetzige Entwicklung - sowohl des Aktienindexes Nemax als auch der Beschäftigung - war absehbar.

Mit der Ankunft der New Economy in der Realität wird auch klar, dass sich mit ihr keine Wirtschaftsweise durchsetzt, bei der auf jede Art von Eingriffen in den Markt zum Nutzen aller getrost verzichtet werden kann. Zu Recht verweist Hickel auf altbekannte ökonomische Erkenntnisse, die während der New-Economy-Euphorie - selbst bei gestandenen Ökonomen - in Vergessenheit geraten waren, wie die Wellentheorie der Konjunktur oder die einem kräftigen Aufschwung notwendigerweise folgende Schumpetersche "Reinigungskrise". Mit Blick auf die nun geplatzte Spekulationsblase wird auch Keynes erwähnt, der bereits 1936 vor einer krisentreibenden Situation gewarnt hatte, in der "die Unternehmungslust die Seifenblase auf einem Strudel der Spekulation wird".

Die Lehre, die Hickel aus der "kurzen Geschichte der Neuen Ökonomie in Deutschland" zieht, lautet, dass Wachstumsschwäche, Arbeitslosigkeit und Rezession Phänomene sind, die keineswegs auf die Old Economy begrenzt sind.

Zugleich ist Hickel weit davon entfernt, die Bedeutung der New Economy für die künftige wirtschaftliche Entwicklung zu unterschätzen. Gerade weil die neue Informations- und Kommunikationstechnik (I&K) mehr und mehr die gesamte Wirtschafts- und Produktionsweise durchzieht, wird dieser Bereich stetig an Bedeutung gewinnen. Damit wird es auch in Zukunft überflüssig werden, zwischen einer Old und einer New Economy zu unterscheiden.

Hickel arbeitet heraus, dass die auf der Anwendung neuer I&K-Technik beruhende Expansion der New Economy nicht die nachlassende Bedeutung von Wirtschafts- und Sozialpolitik dokumentiert, sondern gerade umgekehrt die "Wiederentdeckung der Politik" erfordert. Aufstieg und Fall der New Economy zeigen einmal mehr, dass "eine neoliberale Wirtschaftspolitik nicht in der Lage ist, die technologischen, sozialen und vor allem auch die ökologischen Herausforderungen zu bewältigen".

Selbst die Beschäftigten vieler Start-ups hätten diesem Satz noch vor nicht allzu langer Zeit mit Blick auf scheinbar unaufhaltsam wachsende Einkommen durch Aktienoptionen und steigende Kurse ihre Zustimmung verweigert. In staatlichen Eingriffen und gewerkschaftlichen Forderungen sahen sie gar eine Bedrohung ihrer goldenen Zukunft. Doch jetzt wird ihnen - ebenfalls in der Realität angekommen - die Bedeutung sozialstaatlicher und wirtschaftspolitischer Maßnahmen klar. Hickels Resümee: Eine entschlossene Finanz- und Geldpolitik, eine dezidierte Beschäftigungs- und Verteilungspolitik und eine wirkungsvolle Umweltpolitik sind heute wichtiger denn je.

Neue, alte Wirtschaft

* Rudolf Hickel:

Die Risikospirale

Was bleibt von der New Economy?

Eichborn-Verlag, Frankfurt am Main 2001

160 S., 39,80 DM