die zeit: Keine alten Rechnungen begleichen, warnen alle nach dem Pisa-Schock. Wir fragen dennoch: Wo hat die Politik versagt, Frau Behler?

Gabriele Behler: Die Debatte erstarrte in Ritualen, und folglich redet man über Bildungspolitk mit unglaublich viel Unbildung. Alle glauben, kompetent zu sein, schließlich ist jeder einmal zur Schule gegangen. Deshalb weiß jeder stets, dass andere die Schuld tragen, wenn etwas mit der Schule schief läuft.

Das hat in Deutschland zu einem Abschieben von Verantwortung geführt: von den Lehrern auf die Eltern, von den Eltern auf die Schule, von der Schule auf die Schulaufsicht, von der Schulaufsicht auf das Ministerium. Und letztlich wird die Ministerin verantwortlich für das Ergebnis einzelner Klassenarbeiten. Das ganze System ist geprägt von einer organisierten Unverantwortlichkeit, in der sich jeder hinter dem anderen verstecken kann.

zeit: Hinter wem versteckt sich die Politik?

Behler: Die Parteien haben sich ebenso in den Gräben verschanzt und völlig fruchtlose Debatten um Prinzipien und Politikrichtlinien geführt, in denen sich jede Seite nur selbst bestätigte. Da stritten Politiker im Düsseldorfer Landtag zum Beispiel über sexualkundliche Inhalte in Schulbüchern oder die Frage, ob man Pu der Bär für ein Diktat verwenden darf. Die eigentlich wichtigen Fragen haben auch die Parteien lange Zeit ignoriert. Das hat Pisa jetzt gezeigt.

zeit: Andere Länder waren da weiter.

Behler: Wir haben uns in Deutschland lange Zeit völlig von den internationalen Debatten abgekoppelt. Fragen, welche Unterrichtskonzepte wirksam sind, wie man Schulqualität messen und verbessern kann, haben bei uns keine oder nur eine sehr theoretische Rolle gespielt. Dadurch hat Deutschland den Anschluss verpasst.