Der Weihnachtsbaum stellt ursprünglich den Baum des Paradieses dar, Symbol des Falls, mit dem die Sünde in die Welt kam. An seinen Zweigen locken goldene Früchte - der alte Adam ließ sich dazu verführen, von ihnen zu kosten, das Menschengeschlecht wurde daraufhin aus dem Paradies vertrieben, und erst die Geburt des Christuskindes, des neuen Adam, brachte die Versöhnung, indem es die Sünde auf sich nahm. Deswegen gab es früher in den Kirchen vor dem weihnachtlichen Krippen- das Paradiesspiel, in dessen Zentrum der Baum der Erkenntnis und des Sündenfalls stand, der dann später zum Weihnachtsbaum wurde.

Über nichts lässt sich wegen dieser Beziehung zum verlorenen Paradies deshalb so gut spotten wie über die Weihnachtsbäume, die sich Staatsmächte aufstellen. Zu dürr, zu zerfleddert, zu klein, heißt es oft, wenn Radiostationen die Bürger auf der Straße zu Wort kommen lassen, insbesondere in Berlin, wo es nicht prächtig genug zugehen kann. Deswegen fuhr der damals noch Regierende Bürgermeister-der-Herzen Diepgen trotz Milliardenlöchern im Haushalt nach Franken, um persönlich nach einem herrlichen Baum Ausschau zu halten, der sowohl in Größe als auch Stattlichkeit dem Idealbild eines Berliner Paradiesbaumes entsprechen sollte. Leider zerbrach das Gewächs beim Aufstellen, konnte nicht gerettet werden und empfahl sich weiterhin nur noch als Brennholz.

Anders der Eindruck im Bundesarbeitsministerium. Der dort aufgestellte Baum erinnert in Größe und Schmuck an den Baum, wie man ihn in guten Stuben pflegt. Kleine mattgoldene Sterne, Kugeln und Kerzen. Nichts Pompöses - Erinnerung an die Zeiten, als Großfamilien bescheidene Bescherung feierten.

Leider ist das Sozialministerium aber nicht zu betreten, was denken Sie, wir haben Sicherheitsstufe eins, meint der Pförtner, so dass die Erinnerungsidylle nur von draußen zu bewundern ist, von der Straße her, die sich das Riester-Ministerium mit der Filiale eines bekannten Pizzaservice teilt, in dem philippinische Teilzeitkräfte tätig sind.

Dagegen nimmt sich der Baum im Inneren des Außenministeriums, an dem statt verlockender Gaben und paradiesischer Geschenke die Flaggen der Welt aufgehängt sind, einträchtig, fröhlich und jahreszeitlos aus. Es ist ein UN-Baum, an dem allein die Flagge des Landes fehlt, in dem er steht. Es ist dies eine klare Vision und alles andere als Zufall. Sowenig es wahrscheinlich Zufall ist, dass der Paradiesbaum des Verteidigungsministeriums so gut getarnt ist, dass nicht einmal der wachhabende Soldat weiß, wo er steht und ob es ihn überhaupt gibt.

Vor dem Kanzleramt aber steht, von weitem schon sichtbar, eine prächtige Tanne, mit weißen Lichtern und herabhängendem Silber, die zu wirken beginnen, sobald sich die Adventsnacht über das auf einsamer Brache liegende Zentrum der Macht herabgesenkt hat. Das Glitzern und Gleißen, die strahlende kalte Schönheit des Kanzleramtsparadiesbaums lassen einen unwillkürlich an den Ausblick von Gipfeln denken, an verschneite Höhen und weite Horizonte, die sich dem einsamen Wanderer bieten. Tagelang geht er und trifft niemanden, dem er Rede und Antwort stehen müsste.