Was macht ein designierter Volkswagen-Chef in der Fernostmetropole Shanghai? Verhandelt er in Wolkenkratzern über neue Werke und Wachstumschancen und zieht abends durch die Nachtclubs im alten Paris des Orients? Viel banaler. Bernd Pischetsrieder eröffnet eine Automesse, präsentiert ein neues Modell und besucht die VW-Fabrik am Ort. "Vergleichbar ist unser Werk in Salzgitter", beobachtet der Wolfsburger beim Shanghaier Werkrundgang. Später gastiert der zukünftige VW-Chef im leicht angestaubten Hilton Hotel am Jingan Park, wo in der Lobby ein Lebkuchenhaus grüßt, in dem Dresdner Christstollen verkauft wird. Das Nachtleben beschränkt sich hier auf die Einladung des hannoverschen Ministerpräsidenten Sigmar Gabriel zum "Niedersachsenabend".

Folklore und Fabrikroutine aber sollen zeigen: Volkswagen ist in China zu Hause. "Im Gleichschritt mit der Welt", lautet der Werbeslogan, mit dem VW bei der Eröffnung der Shanghai Motor Show am vergangenen Sonntag sein neues Polo-Modell vorstellte. Der Spruch meint im Grunde: Im Gleichschritt mit Wolfsburg sollen die Chinesen von nun an Auto fahren. Denn erstmals baut und verkauft VW mit dem Polo ein neues Auto zeitgleich in Deutschland und in China. Alle anderen Konzerne verkaufen ältere Modelle. Ausgerechnet die bieder auftretenden Niedersachsen also peitschen in der Volksrepublik die automobile Globalisierung durch - und sind dabei, aus dem Fahrradland China ein Autoland machen. Denn auch wenn bisher auf hundert Chinesen nur ein Auto kommt (USA 100 : 75), eines haben die Deutschen bereits erreicht: "Wenn die Chinesen an ein Auto denken, kommt ihnen sofort ein Volkswagen in den Sinn."

Das aber sagt kein VW-Manager, sondern Mo Yan, Chinas derzeit wohl bedeutendster Schriftsteller (Das rote Kornfeld).

Mo ist kein Autofahrer, allerdings kennt er Land und Leute wie kein anderer.

So beobachtet der Schriftsteller das Entstehen einer Autokultur in der Volksrepublik mit Clubs und Zeitschriften. Doch sei das Auto in China noch immer kein unentbehrlicher Gebrauchsgegenstand wie im Westen. 900 Millionen Landbewohner, drei Viertel der Bevölkerung, müssten in der Regel ohne Wagen auskommen. "Auf dem Land können die Leute nicht einmal ein neues von einem alten Auto unterscheiden, sie finden jedes Auto großartig", erzählt Mo von einem China, das im modernen Shanghai mit seinem ausgebauten Hochstraßennetz kaum mehr vorstellbar ist. Der Besucher aus Wolfsburg aber will davon nichts wissen.

Stattdessen prescht Pischetsrieder mit deutscher Pünktlichkeit vor: Den neuen Polo präsentiert er der chinesischen Öffentlichkeit wenige Tage vor dem offiziellen Beitritt der Volksrepublik zur Welthandelsorganisation (WTO).

"Jetzt beginnt das erste Jahr des freien Welthandels für China", verkündet Pischetsrieder in Shanghai. Tatsächlich ist die chinesische Autoindustrie von den neuen WTO-Richtlinien unmittelbar betroffen: Der Importzoll auf Autos wird von Januar an nur noch 50 Prozent statt bisher 80 Prozent betragen, bis 2005 wird er auf 25 Prozent sinken. Damit aber scheint vor allem die Vormachtstellung des Volkswagen-Konzerns bedroht, der heute, geschützt von den hohen Zollbarrieren, mit seinen Joint-Venture-Produktionen in Shanghai und Changchun 53 Prozent des chinesischen Pkw-Marktes kontrolliert. "Der WTO-Beitritt wird auf China einen ähnlichen Effekt haben wie der Fall der Mauer auf die DDR", warnt Pischetsrieder.