Etwa ein Jahr ist es her, seit ich mir geschworen habe: Das nächste Silvester wird anders. Keine Feuerzangenbowle mit Maren, Klaus und Trivial Pursuit; keine Party in der eigenen Wohnung, die noch eine Woche nach dem Jahreswechsel mit Schlafsäcken und Iso-Matten ausgelegt ist ("Hamburg ist ja so schön. Und wenn wir schon mal hier sind..."); kein Silvester-Menü in dem letzten Restaurant, das noch einen Tisch für vier Personen frei hat (350 Mark pro Person und Linsen als Hauptgang, weil das in Italien so Brauch sei). Nein, solche Silvester-Pleiten will ich nie wieder erleben. Muss ich auch nicht, denn ich habe vorgesorgt. Im post-Silvester-2000-Frust habe ich beschlossen, was dieses Jahr endlich klappen soll: Skifahren mit Anne und Christian; eine ausgedehnte Kneipentour durch London mit Birgit; Champagner trinken mit dem Liebsten an einem romantischen Nordseestrand - drei Alternativen, damit auch ja nichts schief geht.

Ein Anruf bei Anne. "Ja, Skilaufen wäre wirklich toll. Kannst du nicht mal gucken, ob du im Internet was Günstiges findest? Du sitzt doch sowieso den ganzen Tag vor dem Rechner." Ich surfe also drauf los. Drei Tag lang durchforste ich das World Wide Web auf der Suche nach Skihütten, Silvester-Arrangements und Pensionen. Es gibt tatsächlich noch einige richtig gute Angebote. Ich maile sie Anne. Erst eine Woche später kommt die Antwort: "Eigentlich können wir gar nicht so lange weg. Mein Vater wird doch am 3. Januar 60..."

Die Suche beginnt aufs Neue, dieses Mal nach Kurztrips. Die Ausbeute ist nicht ganz so groß, aber immerhin. Wieder maile ich sie meiner Freundin. Noch am selben Tag klingelt das Telefon. Anne, verschnupft und hörbar müde: "Das ist ja teuer. Für den Preis fährt man sonst zwei Wochen lang weg. Lohnt sich das überhaupt?" - Ich atme tief durch. Bin wütend und enttäuscht, frage: "Was wollen wir also tun?" Ihre Antwort: "Ich habe schon mit Maike und Jörn gesprochen, wir könnten doch alle schön bei uns essen und anschließend in die Stadt gehen." In die Stadt, das ist Hannover-City, und da werde ich garantiert keine Korken knallen lassen. Ich sage: "Mal sehen."

Hektisch blättere ich das Adressbuch durch. Birgit, meine Rettung, mein doppelter Boden! Sie lässt mich garantiert nicht im Stich. London, ich komme. "Nein, das klappt wohl nicht", holt sie mich nach Hamburg zurück, "meine Eltern wollen mich besuchen, und du weißt ja, wie klein unsere Wohnung ist." Silvester mit den Eltern? Was ist mit meiner ältesten Freundin los? Unfassbar. Ich murmle verlogen: "Wie schön für dich." Fünf Minuten später klingelt das Telefon: Anja. "Hallo, ich wollte mal hören, was du an Silvester machst. Ich habe mir überlegt, dass ich mit René, Mascha, Jens und Dorit vorbeikommen könnte." Hilfe! Ich rede mich mit einem lange gebuchten Skiurlaub heraus und konzentriere mich auf mein nächstes Ziel, meine letzte Hoffnung, meinen Freund. Er, der sich über Silvester noch nie einen Gedanken gemacht hat, der mit Champagner und mir zufrieden wäre, der die Nordsee einfach grauenhaft findet. Mit ihm werde ich das ultimative Silvester feiern. Ich schleiche mich an, setzte mich vorsichtig auf seinen Schoß, blicke ihm tief in die Augen: "Was hältst du davon, wenn wir nach Sylt fahren? Die Insel ist so groß, da merkt man gar nicht, dass man an der Nordsee ist." Eine ziemlich dumme Bemerkung, zugegeben, aber sie zeigt Wirkung. Ich solle einfach mal schauen, ob es noch freie Zimmer gibt. Bingo. Am nächsten Tag recherchiere ich, frage bei Hotels und Pensionen an. Und tatsächlich. Ein Doppelzimmer im "Vier Jahreszeiten" ist noch frei - ein hässliches Gebäude und überteuerte Preise, aber Hauptsache Nordsee.

Abends verkünde ich freudestrahlend die Erfolgsmeldung. Und er? Schaut mich treuherzig an und schüttelt den Kopf: "Ich muss am 31. arbeiten und am 2. Januar auch. Du weißt doch, der Euro." Mein Magen krampft sich zusammen. Das darf nicht wahr sein. Und jetzt? Heute ist der 11. Dezember, 20 Tage bis zum Jahreswechsel. Noch immer weiß ich nicht, was wir machen werden. Aber eines weiß ich ganz gewiss: Das nächste Silvester wird anders.