Einen Nobelpreis für Ehrlichkeit gibt es leider nicht. Verdient hätte ihn zweifellos der Japaner Shinichi Fujimura, der sich im vergangenen Jahr mit einer tiefen Verbeugung vor der Weltpresse entschuldigte: "Ich habe etwas getan, was ich nicht hätte tun sollen." Ein großes Wort, zerknirscht ausgesprochen von dem berühmten Archäologen mit den "göttlichen Händen", der dabei ertappt wurde, wie er höchstpersönlich "altsteinzeitliche Werkzeuge" vergrub.

Der übliche Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten wird dagegen derzeit in Deutschland demonstriert. Nach jahrelangen Begutachtungen passiert: nichts. Noch im März attestierte eine Untersuchungskommission der Universität Freiburg dem Chefarzt und Gentherapeuten Roland Mertelsmann "fehlende Glaubwürdigkeit". Anfang Dezember wurde er zu einem Gespräch mit dem Stuttgarter Wissenschaftsminister geladen. Doch Mertelsmann bleibt in Amt und Würden. Mittlerweile ist er sogar zum Geschäftsführenden Direktor seiner Klinik aufgestiegen. Für ein Disziplinarverfahren fehlten konkrete Beweise

andere Sanktionen seien wegen Verjährung nicht mehr möglich, bedauert das Ministerium. Mertelsmann schiebt die Verantwortung für die über 50 Publikationen mit gefälschten Daten, die unter seinem Namen erschienen, ungerührt auf seine Mitarbeiter ab.

Für die Zustände im deutschen Wissenschaftssystem ist der Fall fast typisch.

Wer einmal an die Spitze gelangt ist, gar einen der begehrten Chefarztposten ergattern konnte, gilt als unantastbar. Selbstkritik ist unbekannt, auch Kollegenschelte ist kaum zu fürchten. Man kennt sich ja. Aufmuckende Nachwuchsforscher sind so selten wie Revolutionäre im "System Kohl".

Zugleich demonstriert der Fall auch den gewaltigen Druck, unter dem viele Wissenschaftler stehen. Dem Gesetz Publish or perish! - Veröffentliche oder verrecke! - fällt allzu leicht die gewissenhafte Wahrheitssuche zum Opfer.

Forscherehrgeiz, Kampf um Drittmittel und die Hoffnung auf schnelle Therapien gehen vor allem in der Biomedizin eine gefährliche Liaison ein. Skrupulöse Zweifel, Fragen nach ökonomischen Interessenkonflikten, ethische Bedenken? Im atemlosen wissenschaftlichen Wettlauf ist damit keine Ehre, aber auch keine Berufung zu gewinnen. Und an der Börse, die Life-Science-Aktien als Renner handelt, zählen Visionäre, die ruhig mal pfuschen dürfen. Verantwortung? Die sollen andere übernehmen.