Schockzahlen en gros präsentiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrem kürzlich erschienenen Jahresbericht, den sie diesmal seelischen Störungen gewidmet hat. "Selten die Familie, der die Begegnung mit Geisteskrankheit erspart bleibt", konstatiert die Generaldirektorin Gro Harlem Brundtland schon im Vorwort und fährt fort: "Jeder Vierte wird im Laufe seines Lebens von einer Geisteskrankheit betroffen sein."

Seelische Störungen werden oft übersehen, da Statistiken nach dem Muster "Jeder Vierte stirbt an Krebs" meist die Toten zählen. Doch Gro Harlem Brundtland prophezeit: "In zwanzig Jahren wird der Depression der zweifelhafte Ruhm zukommen, bei der weltweiten Krankheitsbelastung den zweiten Platz zu belegen" ... nach Herzkreislauferkrankungen. In den entwickelten Ländern wird sie sogar an der Spitze stehen.

Wie lassen sich für solche Abschätzungen die Auswirkungen von Killerkrankheiten mit denen von Geisteskrankheiten vergleichen, die ihre Opfer selten umbringen, aber lange quälen? Zu diesem Zweck hat die WHO zusammen mit der Weltbank und der Harvard School of Public Health vor acht Jahren ein neues Maß für das menschliche Unglück entwickelt und DALY genannt (disability adjusted life year). Ein DALY ist ein verlorenes Jahr gesunden Lebens. Die Zahl der DALYs ergibt sich als Summe der durch vorzeitigen Krankheitstod verlorenen Lebensjahre (YLL: years of life lost) und der mit gesundheitlichen Einschränkungen verbrachten Lebensjahre (YLD: years lost due to disability).

Nach dem DALY-Maßstab sind Depressionen bei jungen Leuten bis 44 Jahre nach Aids schon jetzt die verheerendste Krankheit. Unabhängig vom Alter sind die psychischen Störungen für 12 Prozent der an Krankheit und Tod verlorenen Jahre verantwortlich. Ihr Anteil steigt, je mehr die Mediziner andere Seuchen in den Griff bekommen: 1990 entfielen noch 10 Prozent auf die Psyche, im Jahr 2020 werden es nach Hochrechnungen schon 15 Prozent sein.

Geht es nur um die Krankheitsjahre (YLD) und nicht um ein verkürztes Leben, führt die Schwermut schon jetzt über alle Altersgruppen hinweg die Gruselliste an. Insgesamt finden sich auf dieser Top-Ten-Liste des Horrors vier psychische Störungen: neben der reinen auch die manische Depression, Alkoholismus und Schizophrenie. Etwas weiter hinten folgen Migräne und Demenz. Insgesamt sind die psychischen Störungen für fast 31 Prozent der Krankheitsjahre verantwortlich.

In reichen Ländern wie den USA und Europa, wo in der restlichen Welt verbreitete Geißeln wie Anämie und Unterernährung keine große Rolle spielen, entfallen nicht weniger als 43 Prozent der Krankheitsjahre auf neuropsychiatrische Störungen. Zum Vergleich: Krebs, der seine Opfer meist erst in hohem Alter befällt, taucht auf keiner dieser Listen unter den 20 bedrohlichsten Krankheiten auf.

Nach einer zehn Jahre alten US-Statistik kostet dieser Krankenstand die Volkswirtschaft 2,5 Prozent des Bruttosozialprodukts. Besonders für das Gesundheitswesen sind psychische Störungen kostspielig, vor allem wegen der Ausgaben für Klinikaufenthalte. Nach mehreren europäischen Studien verschlingen die Geisteskrankheiten fast ein Viertel der Gesundheitsausgaben.