Hart reiben sich die Sekundintervalle, quälend ziehen sich die Vorhalte.

Immer wieder löst sich das harmonische Gefüge auf, wird der Hörer in ein chromatisches, ja dissonantes Verwirrspiel gestürzt. Diese Musik leidet maßlos, denn der Text will es so. Er beklagt die seelische Grausamkeit einer Herzensdame, ihre hartherzige Weigerung, die flehentlichen Bitten eines krankhaft Liebenden zu erhören. Die Madrigale des Luca Marenzio quellen über von - nicht selten ungestilltem - Verlangen. Und nicht immer ist restlos klar, wonach all die Unglücklichen sich nun wirklich sehnen: nach der Liebe oder nach dem Tod. Gelegentlich nach beidem, denn schon im 16. Jahrhundert besang man sogar vor römischen Kardinälen jenen petite mort als durchsichtigen poetischen Euphemismus für den Orgasmus.

So hochgradig artifiziell die Welt des italienischen Madrigals auch sein mag, die Erotik, die ihr entströmt, ist ziemlich unmissverständlich. Auch dem heutigen Hörer, der direktere Anspielungen gewohnt ist und dem die poetische Sublimierung und künstlerische Überhöhung des Welt- und vor allem Herzschmerzes weniger vertraut sind als den aristokratischen Feingeistern der Renaissance, teilt sie sich sehr unmittelbar mit. Zumal, wenn Marenzios Madrigale derart expressiv geschärft und zugleich atemberaubend perfekt gesungen werden wie von Rinaldo Alessandrinis Elite-Ensemble Concerto Italiano (Opus 111, OP 30245, Vertrieb helikon harmonia mundi).

Fünfzehn Bücher mit fünf- und sechsstimmigen Madrigalen hinterließ Marenzio, als er 1599 in Rom starb, gerade einmal 45 Jahre alt. Sein Ausdrucksradius reicht von der elegant gefälligen Melodik im Primo Libro von 1580 bis zu den harmonischen Kühnheiten und zur fast ins Manieristische getriebenen Expressivität des im Todesjahr erschienenen Nono Libro a sei voci. Es ist ein Opus magnum, ein Wunderwerk an differenzierter Wortausdeutung und Gefühlsnuancierung. Seinerzeit wurde Marenzio denn auch in einem Atemzug mit Palestrina genannt, der ihn deshalb nicht schlecht gehasst hat. Marenzio galt als der europäische Madrigalist, ein Meister, auf den sich Monteverdi und andere mehr beriefen.

Das lässt sich auch vier Jahrhunderte später nachvollziehen. Rinaldo Alessandrini, der mit seinem Concerto Italiano seit Jahren auch an einer Referenzaufnahme sämtlicher Madrigale Claudio Monteverdis arbeitet, hat 25 dieser künstlichen Gebilde Marenzios zusammengestellt - eine Entdeckungsreise in eine hermetische und stilisierte, aber wunderbare Welt vollkommener Schönheit.