In der Vorweihnachtszeit wächst gerade auch in unserer postsäkularen Gesellschaft das Bedürfnis nach geistiger Einkehr. Ein passender Moment also für das World Festival of Sacred Music, nach Stationen in Los Angeles, New York und Hiroshima nun in Berlin seiner letzten Bestimmung entgegenzusteuern.

Gut besucht war das Haus der Kulturen der Welt am vergangenen Wochenende, als ein Gesandter des Dalai Lama das europäische Finale einleitete. Anschließend ging die Sängerin Yang Du Tso mit fünf tibetanischen Mönchen daran, die Musik aus dem Osten Tibets vorzustellen. Das Religiöse ist dabei nur ein Aspekt einer Folklore, in der sich das Heilige und das Profane vermengen. So ist gerade für den Außenstehenden nicht auf Anhieb zu unterscheiden, ob es sich beim Gehörten nun um einen sakralen Gesang oder um ein schlichtes Volkslied handelt. Die fünf Mönche sorgten mit ihrem Mantra zunächst für andächtige Stimmung. Anschließend aber griffen sie zu Trommeln, Zimbeln und Becken und veranstalteten ein Tschingderassabum, das eher an einen Karnevalszug auf Abwegen erinnerte. Dann trat Yang Du Tso auf die Bühne, und die Mönche verfielen in ein Hintergrundmurmeln, vor dem sich die glockenhelle Stimme der Sängerin erhob wie ein Sonnenaufgang aus dem Morgennebel. Am nächsten Abend gab Emil Zrihan, der Kantor der Synagoge im israelischen Ashkalon, eine Einführung in die Musik der orientalischen Juden. Mit Anzug und Fliege erinnerte Zrihan eher an einen italienischen Startenor, und sein Vortrag bewies, dass auch ihm die Kniffe des weltlichen Unterhaltungsgewerbes keineswegs fremd sind. Mit Sinn für wohlgesetzte Dramatik gab er sich der vokalen Improvisation des Mawal hin, in der das ganze gemeinsame jüdisch-arabische Erbe aufschimmerte, während sich sein Ensemble mit Percussion-Crescendo zu immer schnellerem Tempo aufschwang. Verschmitzt leitete er am Ende zu einem populären Maghreb-Schlager über und forderte mit rudernden Handbewegungen das Publikum zum Mitklatschen, wenn nicht gar Tanzen auf: ein Entertainer vor dem Herrn.