Brüssel

Anfang der Woche setzte Hamas erstmals Biowaffen ein, in der Jerusalemer Altstadt starben mindestens vierzig israelische Schulkinder. Premier Scharon lässt seither Ziele in Ramallah bombardieren. Wer den Attentätern die Waffen lieferte, ist glasklar: Saddam Hussein brüstete sich soeben in einem CNN-Interview damit.

Amerikaner und Israelis antworten mit Luftangriffen auf Bagdad. Die Europäer schicken ihren Emissär Javier Solana in die Region, Tony Blair eilt vom Weißen Haus direkt ins Ratsgebäude der Europäischen Union, zur Krisensitzung der Staats- und Regierungschefs. Dieser Krieg in Nahost erwischt die Europäer in denkbar schlechter Verfassung. Ihre neue Eingreiftruppe ist längst nicht einsatzbereit. Auch sonst nur Ärger: Vom Aufschwung in Amerika profitiert die EU noch lange nicht, der Euro fällt, die Europäische Zentralbank wagt keine Zinserhöhung, um den kranken Mann an der Spree nicht tiefer in die Rezession zu treiben. Kurz, man zagt und tagt in Brüssel. Schöne Bescherung zu diesem Weihnachtsfest im Jahr 2002.

Alles nur erfunden. Doch genau um solche Möglich- und Wahrscheinlichkeiten geht es an diesem Wochenende beim EU-Gipfeltreffen in Brüssel. Was will, was kann dieses Europa - und was muss es dafür künftig tun: Diese Grundfragen, so wollen die Regierungschefs auf Schloss Laeken beschließen, soll ein Konvent vom März 2002 bis zum Juni 2003 debattieren und dann den Chefs seine Antworten vorlegen.

Europa, so heißt es in der ehrgeizigen Tischvorlage der belgischen EU-Präsidentschaft, müsse demokratischer, effizienter, transparenter werden, auf allen Feldern. Daran werden im Konvent dann die Vertreter der nationalen Regierungen und Parlamente, der EU-Kommission und des Europaparlaments werkeln - Politiker also und nicht wie sonst im Brüsseler Geschäft vor allem Diplomaten und Eurokraten.

Am Ende des "Laeken-Prozesses" müssen die Regierungschefs entscheiden, welche der gelieferten Bauteile sie im erneuerten Haus Europa verwenden wollen. Und weil der Konvent anderthalb Jahre lang in aller Öffentlichkeit tagt, wird dann die Stunde der Wahrheit schlagen: Wer will was in Europa und mit Europa erreichen - und wem geht das zu weit?

Innere und äußere Sicherheit, Europas Rolle in der Welt, gemeinsames Wirtschaften neben der gemeinsamen Währung, das sind die großen praktischen Fragen. Wie viel Macht gibt man Kommission und Europaparlament, wie viel Souveränität lässt man den Mitgliedsstaaten, also wie viel Einheit wagt, wie viel Vielfalt pflegt die Gemeinschaft - so lauten die prinzipiellen Fragen nach der Verfassungsnatur der Europäischen Union. Wie immer in der Union hat alles irgendwie mit allem zu tun, ein kosmisches Kräftespiel nach eigenen physikalischen Gesetzen.