Als Jürgen in mein Leben trat, schien es der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zu sein. Trotz des Altersunterschieds - er war damals 12, ich 23 - brauchten wir nicht viele Worte. Jürgen war ein Geschenk von Wolfgang, der eines Tages einfach gesagt hatte: Ich brauche ihn nicht mehr, nimm du ihn.

Um Autos machten wir uns damals demonstrativ keine Gedanken. Wir verweigerten ihnen zum Beispiel so lange die Wäsche , bis sich eine feste, schmutzabweisende Dreckschicht bildete. Und wir teilten sie altruistisch.

Jürgen war ein Prachtexemplar von einem Käfer. Seine stammesgeschichtliche Herkunft als deutsches Militärfahrzeug nur mühsam durch seine von der Sonne zerschossene orangefarbene Lackierung verleugnend, tat er seinen Dienst stets zuverlässig, ja geradezu servil. Jürgen war ein Typ, der immer alles gab.

Alles, was er aus seinen 1200 Kubikzentimetern herausholen konnte. Er war eines jener Sparmodelle, die mit legendären acht Litern auskamen, während seine Verwandtschaft aus üblen Säufern bestand, die von 12, 13 Litern die Hälfte am Vergaser verschlabberten.

Käfer fahren galt als Lebenseinstellung, auch wegen der unaggressiven Motorisierung. Bei Vmax = 130, pfeifenden Fenstern und einem dröhnenden Vierzylinder-Boxer konnte man Eile von vornherein vergessen. Schon damals schwärmten Käfer-Veteranen von Reservehebeln oder Bakelitlenkrädern. Egal, ob Brezelscheibe oder Mexikomodell - für alle galt: Ziel und Weg waren irgendwie dasselbe.

Von mir aus hätten Jürgen und ich unsere Wege bis heute teilen können. Doch eines Tages machte er einen verhängnisvollen Fehler: Während eines Umzugs hatte ich einen Teil meiner Plattensammlung hinter den Fahrersitz gestellt

die Heizung - die noch nie funktioniert hatte - erinnerte sich plötzlich ihrer Existenz und zerschmolz mir fast 100 meiner absoluten Lieblinge.