Forscher: Die Seele existiert titelte das Hamburger Abendblatt am Montag dieser Woche. Naturwissenschaftler hätten "Beweise für ein Leben nach dem Tod" gefunden. Das wäre allerdings eine Schlagzeile wert, nicht nur unter "Vermischtes".

Es geht um so genannte Nahtod-Erfahrungen. Immer wieder berichten Menschen, die dem Tod im letzten Moment von der Schippe gesprungen sind, von außerordentlichen Erlebnissen und Visionen. Dabei gibt es auch immer wiederkehrende Muster: die Erfahrung, durch einen langen Tunnel zu gehen, an dessen Ende ein helles Licht strahlt. Der Film des Lebens, der im Zeitraffer vor dem inneren Auge abläuft. Und auch das Gefühl, aus dem eigenen Körper herauszutreten und das Geschehen von außen zu betrachten.

Nun haben holländische Forscher um den Herzspezialisten Pim van Lommel in einer mehrjährigen Studie 344 Patienten interviewt, die nach einem Herzstillstand "ins Leben zurückgeholt" wurden. Die Ergebnisse stehen nächste Woche in der Medizinzeitschrift The Lancet. Zwölf Prozent der Patienten berichten von entsprechenden Erfahrungen, und fleißig schlüsseln die Forscher ihre Ergebnisse nach Faktoren wie Geschlecht, Religiosität und Alter auf.

Sicherlich wertvolle psychologische Erkenntnisse, die es in dieser Quantität bisher nicht gab.

Nur von der Seele steht da nichts. Die schleicht sich erst am Schluss des Artikels ein: "Das bislang angenommene, aber niemals bewiesene Konzept, dass Bewusstsein und Erinnerung im Gehirn lokalisiert sind, sollte diskutiert werden. Wie könnte ein klares Bewusstsein außerhalb des Körpers erfahren werden in einem Moment, in dem das Gehirn nicht mehr funktioniert?" Nach der Vorstellung der holländischen Forscher war die Seele also schon herausgefahren aus der sterblichen Hülle und entschloss sich dann doch noch, in den Körper zurückzukehren.

Das war den Lancet-Redakteuren wohl zu starker Tobak. In einem eigenen Beitrag schreiben sie zutreffend, dass die Studie - wie andere vor ihr - die außerkörperlichen Erfahrungen nur mit Anekdoten belegt. Außerdem sei alles andere als klar, dass die Visionen tatsächlich während des Herzstillstands auftraten und nicht kurz davor oder kurz danach. Nur - warum druckt ein Fachblatt einen Artikel, der aus relativ banalen Fakten sehr spekulative Schlüsse zieht? Schließlich haben andere Forscher durchaus biologische Erklärungen für die Visionen, die in extremen Situationen durchs Gehirn flimmern.

Ob es ein Leben nach dem Tod gibt, wissen wir nicht. Und die Naturwissenschaft wird es uns nie sagen können. Denn wer nicht gestorben ist, der weiß auch nichts vom Tod - egal, wie nah er ihm war. Wer die Erzählungen der Todeskandidaten ernst nimmt, mag immerhin einen kleinen Trost daraus ziehen: Keiner berichtete von Angst. Der Tod kam immer sanft - und machte dann wieder kehrt.