die zeit: Herr Padoa-Schioppa, die deutsche Wirtschaft stagniert, die Arbeitslosenzahl steigt. Gleichzeitig ist die Inflation niedriger als der Durchschnitt in Euroland. Stimmen Sie zu, dass die europäische Geldpolitik aus deutscher Sicht zu restriktiv ist?

Tommaso Padoa-Schioppa: Es gibt keinen einheitlichen Zinssatz, der stets für jede Region eines großen Wirtschaftsraumes passt, das gilt für Euroland genauso wie für Deutschland. Das deutsche Problem ist doch gar nicht der Zinssatz. Die deutsche Wirtschaft ist bereits während der vergangenen 10, 15 Jahre weniger gewachsen als manch andere bei zum Teil höheren Zinsen.

zeit: Wie erklären Sie sich das?

Padoa-Schioppa: Bestimmt nicht als Folge der Geldpolitik. Dafür gibt es tiefere Ursachen, die auch mit dem Lebensstil der Menschen zu tun haben, zum Beispiel mit ihrer traditionellen Bescheidenheit. Warum geben die Menschen nicht mehr Geld aus? Weil viele schon alles haben, was sie zum Leben brauchen. Die einzige Möglichkeit, mehr Geld auszugeben, ist mehr Luxus: noch teurere Schuhe, eine noch teurere Uhr. Dem entgegen steht eine wohltuende Sparsamkeit. Die Leute hier machen das Licht aus, wenn sie zu Hause in ein anderes Zimmer gehen sie stellen die Dusche ab, während sie sich einseifen.

Das gefällt mir. Doch ökonomisch gesehen trägt auch das zu ein bisschen weniger Wachstum bei. Das unterscheidet Ihr Land vom Rest Europas.

zeit: Wenn im kommenden Jahr aus der Konjunkturschwäche eine Rezession wird, bekommt Deutschland Schwierigkeiten, den Stabilitäts- und Wachstumspakt einzuhalten, der den EU-Staaten untersagt, ihre Neuverschuldung gemessen am Bruttoinlandsprodukt über drei Prozent auszudehnen. Sollte das Kriterium gelockert werden?

Padoa-Schioppa: Nein. Der Pakt sieht vor, dass die Budgets der Staaten unter normalen Bedingungen ausgeglichen sind oder einen leichten Überschuss ausweisen. Geht es mit der Konjunktur bergab, können sie bis zur Drei-Prozent-Marke Schulden machen. Das ist ein erheblicher fiskalischer Spielraum. Und viele Länder in Euroland haben ihn.