Niemand versteht die Oma. Ihre Nachbarn nicht, der Gemüsehändler nicht, selbst ihr Ehemann konnte nur mit Mühe ihre Rede enträtseln. Richtig auffällig wurde die Sache jedoch bei ihren Kindern. Drei von vier Töchtern, einer von zwei Söhnen und zehn der 24 Enkelkinder nuscheln unverständlich daher, an der Grammatik erleiden sie Schiffbruch, vor allem die Zeiten geraten ihnen durcheinander. Selbst untereinander verstehen sie sich meist nicht. Anderen Mitgliedern der Familie aus dem Süden Londons ist die Gabe der flüssigen Rede - ein gepflegtes Cockney - indessen gegeben.

Seit 1990 untersuchen Linguisten, Psychologen und Kognitionsforscher die seltsame Sprachstörung der Sippe mit dem Tarnnamen "KE"-Familie. Die brabbelnde Artikulation erklärten sich die Forscher mit Störungen in der Feinmotorik der Gesichtsmuskulatur. Fasziniert beobachteten sie jedoch vor allem, wie die Betroffenen an den Fährnissen von Syntax und Grammatik scheitern. Warum bleiben ihnen Satzbauregeln rätselhaft, die bereits Kleinkinder beherrschen? Sprachforscher, die nach Ursachen fahndeten, förderten wenig zutage. Ihr Fazit: Die Störung wird durch ein einziges Gen verursacht - ein Befund, der in den Fachzirkeln seither für Aufregung sorgt.

War man auf die Spur eines Grammatikgens gestoßen? Gibt es im Menschenhirn einen biologisch verdrahteten Sinn für Syntax und Semantik, haust in fest installierten Nervennetzen der Drang zum Sprechen?

Ein solch vorgeformtes Sprachprogramm im Hirn von Neugeborenen hatte der amerikanische Linguist Noam Chomsky schon 1959 mit seiner Theorie der generativen Grammatik postuliert. Angesichts der universellen Gültigkeit bestimmter Strukturen in allen der rund 6000 bekannten Sprachen, behauptete Chomsky, müsse nicht nur die Entstehung der Sprachen einem genetischen Programm folgen. Eine verborgene Tiefenstruktur im Geist dirigiere das Sprachwesen Mensch. Vor allem die Geschwindigkeit, mit der Kleinkinder diese Regeln aus Dialogen ihrer Umgebung extrahieren, sei durch reine Lernprozesse nicht zu erklären. "Sprechen lernen ist nichts, was wir tun, es geschieht mit uns", verkündete Chomsky und brach damit einen Dauerstreit in der Linguistik vom Zaun.

Bis heute kreist die Kontroverse um die erstaunliche Fähigkeit des Menschen, virtuos neue korrekte Sätze zu bilden, ohne deren Vokabelfolge einstudiert zu haben. Während Chomsky dies auf die Biologie zurückführt, halten seine Gegner das behavioristische Paradigma hoch: Verantwortlich für das Sprechenlernen seien einzig soziale Lernprozesse, die Einübung der von den Eltern abgehörten Worte und Satzkonstruktionen.

Dass der Mensch die Sprache erlernt wie das Lesen der Uhr, das Schachspiel oder die Zusammensetzung der Regierung, versuchte schon 1578 Akbar der Große zu beweisen. Der indische Großmogul ließ eine prächtige Villa bauen. Dort, "wohin kein Laut der Bildung dringen würde", vollzog er einen finsteren Menschenversuch. Um zu beweisen, dass die Zunge nur spricht, wenn die Ohren vorher etwas zu hören bekamen, sperrte Akbar eine Gruppe Neugeborener in diesen "Ort der Prüfung". Nur stumme Ammen durften "Gang Mahal" betreten - das Haus der Stummen. Nach vier Jahren besuchte Akbar sein sprachwissenschaftliches Labor. Kein Schrei drang aus dem Haus, keine Rede war zu vernehmen. Die arretierten Knirpse, berichtet ein Chronist, waren des "Talismans der Sprache" nicht teilhaftig geworden: "Nur die Geräusche der Stummen kamen von ihnen." Freizeitlinguist Akbar ist der Kronzeuge jener Theorien geworden, die behaupten: Das Gehirn eines Neugeborenen füllt sich nur mühsam, Schritt für Schritt, mit der Macht der Sprache. Es beginnt, die klingende Umgebung nachzuahmen, in der es die Erwachsenen brummeln, witzeln und streiten hört. Das gelingt ihm erst fehlerhaft, dann perfekter, bis seine Reden denen der Alten gleichen.

Doch je mehr die Kognitionsforscher den Geheimnissen im Schädel nachspüren, desto klarer wird, dass diese Rechnung nicht aufgeht: Kinder beginnen nicht bei null, wenn sie die ersten Silben aneinander reihen. Schon als Dreijährige jonglieren sie perfekt mit Teilen der Grammatik, bilden Relativsätze, Passivkonstruktionen und komplexe Sätze, die jeden Computer überfordern würden: Kann Hans mehr, als Hänschen gelernt hat?