Ich kann zwischen Bergen unterscheiden, die den Menschen erheben, und solchen, die ihn niederdrücken. Mein Urteil ist zuverlässig. Ich kenne Berge von Geburt an.

Als ich im Bezirk Chakoti, Region Kaschmir, ankam, kletterte mein Blick die Bergrücken hoch, vorsichtig auf die Farbtönungen achtend, auf das Felsgestein, die Bäume, das Gebüsch. Es war mein persönliches, über Jahrzehnte bewährtes Analyseverfahren. Wer in die Berge geht, muss nämlich schnell wissen, ob er sich davonmachen soll oder ob er eine Weile bleiben kann. Verschätzt man sich, holt man sich eine lang anhaltende Depression, gewissermaßen eine hartnäckige seelische Erkältung.

Bei Ende meiner Prüfung kam ich zu dem Schluss: Die Berge Chakotis werfen keinen Schatten aufs menschliche Herz.

Trotzdem lag eine Ahnung in der Luft wie ein Geruch, der nichts Gutes verheißt. Wir fuhren über eine holprige Straße in das Hochtal von Chakoti.

Der Fluss Jhelum toste in seiner Schlucht. Die Sonne lag herbstlich matt auf den braunen Feldern, die mit jedem Kilometer breiter und breiter wurden.

Alles war Idylle, aber mir war, als führen wir auf ein schwarzes Loch zu.

Das Dorf Chakoti rutschte an uns vorbei. Eine Ansammlung windschiefer Häuser, schäbiger Teestuben und düsterer Geschäfte. Die Menschen davor schienen nicht zu gehen, sondern zu wanken, sie standen nicht, sondern sie hielten sich mit Mühe aufrecht, sie saßen nicht, sondern klebten an ihren Stühlen. Chakoti war kein Dorf, es war ein Stück Verzweiflung, ein bisschen Vorhölle.