Hirnforschung hart am Straßengraben: Da, ein Vogel, schillernd bunt. Und dort, eine attraktive junge Frau, schönes Kleid, das sie trägt. War da nicht eben eine Kurve?

Direkt nach dem Genuss eines Joints durchschwebte der Testfahrer mit dem feuerroten Golf die Straßen Maastrichts. Auf dem Beifahrersitz saß, bestellt von der Universität Maastricht, ein nüchterner Fahrlehrer. Haarklein registrierten Kameras, wenn der Blick des Probanden von Asphalt und Vordermann zu all den hübschen Dingen glitt, die ihm durchs Gesichtsfeld flatterten. "Manche verloren schon mal den Fokus", sagt Jan Ramaekers von der Abteilung für experimentelle Psychopharmakologie, "dann musste der Fahrlehrer eingreifen."

In Deutschland hätten die Erkundungsfahrten vermutlich ein gerichtliches Nachspiel gehabt, die drogenseligen Testfahrer ihren Führerschein verloren.

Alkohol am Steuer ist zwar bis 0,5 Promille erlaubt, für Cannabis aber gilt Nulltoleranz. Selbst wer am Abend zuvor einen Joint genossen hat und am Folgetag noch Spuren der Droge im Blut aufweist, ist dran. Jetzt fragen sich die Kritiker, wenn die freie Fahrt für freie Bürger auch leicht angesäuselt erlaubt ist, warum gilt dasselbe nicht für Marihuana? Drei Millionen deutsche Gelegenheitskiffer, schätzt Franjo Grotenhermen, Kölner Arzt und Cannabis-Experte, seien potenziell gefährdet, ihre Fahrerlaubnis einzubüßen.

Als Herausgeber des Buches Cannabis, Straßenverkehr und Arbeitswelt fordert Grotenhermen einen Grenzwert auch für Tetrahydrocannabinol, kurz THC.

Für den Gesetzgeber ist die Sache seit 1998 klar: Ordnungswidrig handelt, wer THC im Blut hat und fährt. Die Polizei hält sich daran. "Uns erreichten jede Menge Zuschriften von Leuten, die zur medizinisch-psychologischen Untersuchung zitiert wurden", sagt Jörg Jenetzki, ehemaliger Chefredakteur des Cannabis-Magazins Hanf!. Denn im Zweifelsfall wird nach einem Unfall im Blut nicht nur nach Alkohol gefahndet, sondern auch nach Spuren illegaler Drogen. Während jedes Jahr konstant rund 100 000 Autofahrer zum "Idiotentest" wegen Alkohols am Steuer antreten müssen, hat sich die Zahl der Untersuchungen wegen mutmaßlicher Drogen- und Medikamenteneinnahme innerhalb von zehn Jahren von 3233 auf 6623 verdoppelt. Auch die Unfallstatistik scheint den Befürwortern der harten Linie Recht zu geben. Nach Verschärfung der Promillegrenze auf 0,5 hatten sich offenbar weniger Menschen angetrunken in den Verkehr getraut. Während 1991 noch 42 000 Menschen durch alkoholisierte Fahrer verletzt wurden, ging die Zahl bis 1999 auf 26 000 zurück. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der "Unfälle mit Personenschäden" unter Drogeneinfluss von 434 auf 880 - trotz Nulltoleranz.

Ein anderes Problem sind die chronischen Kiffer. Werner Kannheiser vom Institut für Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität bezweifelte 1999 in einem Gutachten, dass ein Mensch, der regelmäßig, "und das heißt täglich", Joints raucht, fähig ist, ein Auto zu führen. Der regelmäßige Cannabis-Konsument sei aufgrund einer "andauernden Herabsetzung der körperlich-geistigen Leistungsfähigkeit" dazu nicht in der Lage. Eine Razzia nach dem Reggae-Konzert, die Polizei konfisziert Drogenbeutel und benachrichtigt die zuständige Führerscheinbehörde. Diese bestellt den Delinquenten zum Test. Bei vermutetem Dauerkonsum ist der Schein weg. Ob der Betroffene gefahren ist oder überhaupt ein Fahrzeug besitzt, spielt dabei keine Rolle.