Eigentlich kann Herbert Grönemeyer sich glücklich schätzen: Ein Studio, ein Label und obendrein auch noch ein Leben in London zu haben, davon träumen viele. Doch dummerweise hat er noch einen Koffer in Berlin vergessen, und den hat er im Rahmen der Berliner Lektionen im Renaissance-Theater der Hauptstadt aus Versehen in aller Öffentlichkeit ausgepackt. Während sich John F. Kennedy damit zufrieden gab, ein Berliner zu sein, verdoppelt der Musiker und Schauspieler, der angeblich "das Ruhrgebiet zu einer geistigen Lebensform" gemacht hat, den Einsatz: "Ich bin zwei Berliner!" Die Einheit will er endlich stiften, zwischen Ost und West, zwischen Bochum und Bitterfeld und vor allem zwischen "den Menschen". Im Wege stehen da nur noch "die Politiker", tatsächlich. Dazu geniert sich Grönemeyer nicht, jedes abgedroschene Berlin-Klischee der vergangenen Dekade zu bemühen. Nicht einmal ohne den eigentlich mit nicht unter zehn Tagen Tellerwaschen in einer Friedrichshainer Suppenküche zu ahndenden Verweis auf die so genannten Goldenen Zwanziger kommt er aus. Und wozu das alles? Damit "wir" endlich wieder Weltmeister werden - nur im Fußball natürlich. Und obwohl sich Grönemeyer von den Schattenseiten der deutschen Geschichte distanziert, irritiert das Stichwort "radikale Mitte" nachhaltig - in der wähnen sich auch Populisten wie der Hamburger Innensenator Ronald Schill. Glücklich, wer an solchen Tagen bereits einen Koffer in London hat.