Aguzzi: Ganz im Gegenteil, die deutsche Regierung hat lange die Gefahr eher unterschätzt. Bis Ende 2000 gab es in faktisch keine BSE-Politik. Zehn Jahre lang hat die Politik gekonnt weggeschaut. Immer behaupteten sie "Deutschland ist BSE-frei", obwohl das in Fachkreisen schon jahrelang niemand mehr glaubte. Deutsche Minister versäumten bis zum Frühjahr 2001 Gesetze zu schaffen, die BSE-Risikomaterialen aus Lebensmitteln verbannen, nicht nur aus der berühmten bayerischen Weißwurst.

zeit: Der Rindfleischkonsum in Deutschland ist wieder auf dem Ante-BSE-Niveau gestiegen. Ist es heute noch leichtsinnig auf dem Münchener Viktualienmarkt eine Weißwurst zu genießen?

Aguzzi: Die seit dem Frühjahr getroffenen Maßnahmen schützen wahrscheinlich die Verbraucher ausreichend. Ein Restrisiko besteht zwar noch, denn BSE ist noch nicht ausgerottet. Das ist jedoch viel geringer als noch vor einem Jahr.

zeit: Den deutschen Medien wird häufig unterstellt, die Panik unter den Menschen schüren.

Aguzzi: Nur diese BSE-Hysterie in Deutschland hat die Bürger wachgerüttelt. Ich behaupte, dass in diesem Fall die Hysterie eine glücklich Fügung war. Skandalös berichteten nicht die Medien. Als Skandal bezeichne ich, dass die wissenschaftlichen Fakten bereits seit fünf bis sieben Jahren auf dem Tisch lagen und die Entscheidungsträger untätig blieben. BSE in Deutschland wäre eine vermeidbare Katastrophe gewesen.

zeit: Der schottische Gesundheitsexperte George Venters bezweifelt, dass der BSE-Erreger die Ursache für die neue Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit ist. Eine seriöse Behauptung?

Aguzzi: In England gibt es nahezu 200.000 BSE-Rinder und etwa 120 vCJD Patienten. Es stimmt, das sind weniger Opfer, als wir zunächst angenommen hatten. Meiner Meinung nach ignoriert Venters aber die Fakten, die für eine Übertragung sprechen: Die Erreger sind biochemisch identisch. Großbritannien ist nicht ohne Zufall sowohl von BSE als auch von vCJD am stärksten betroffen. Außerdem wurden im Tiermodell das gleiche Krankheitsmuster und die Übertragung nachgewiesen. Aber den ultimativen Beweis für eine Verbindung gibt es nicht, und es wird ihn nie geben. Dafür müsste man Menschenversuche durchführen.