Wie gewohnt möchte ich mich kurz vor Mitternacht mit dem Song verabschieden", murmelt der Radiomoderator, "der zu den großen Kompositionen der Nacht zählt: Round About Midnight, von Thelonious Monk." Was folgt, geht tief: eine dunkle Frauenstimme, ein Lied von verschwundener Liebe. Der Haken liegt nicht im Text, er steckt im Fleisch der Musik, in jener Verschränkung von Melodie und Harmonik, zwischen Sehnsucht und Schmerz schwebend, im Ausdruck einer unerhörten Sängerin, deren klare Stimme sich in einem langen Atem über die Klage eines indischen Harmoniums legt.

Round About Midnight hat nichts mit dem schicken Image der Nachtschwärmer zu tun, mit den einsamen Wölfen, die um Mitternacht in die Clubs ausschwärmen.

Es meint die Abwesenheit von Licht, das Dunkel, das zum Normalzustand wird.

Oder wie sein Schöpfer Monk sagte: "Es ist immer Nacht, sonst brauchten wir das Licht nicht so notwendig." Susanne Abbuehl singt ihr "Es werde Licht" und vertreibt mit glasklarer Intonation jedes Cocktail- und Whiskey-um-vier-Image. Man hatte sich beinahe in dieser rauchumnebelten Nostalgie eingerichtet, an die Frank-Sinatra-Imitate gewöhnt, sich über die neuen Ladys gefreut, ob dies die junge Diana Krall oder die noch jüngere Jane Monheit ist, amerikanische Jazzsängerinnen von immergrünen Standards, wie es sie in diesem Format seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hatte. Das besserwisserische Nennen von Namen wie Julie London, Peggy Lee oder Blossom Dearie darf man sich verkneifen. Das Bedürfnis, das Vertraute im neuen Kleid zu genießen, hat Konjunktur, wer mag da Spielverderber sein.

Die Stimme von Susanne Abbuehl kommt aus einem anderen Land, nicht dem "Home of the Great American Songbook", aus dem der Jazz seit Jahrzehnten seine Melodien nimmt, noch aus der Schweiz ihrer Geburt oder gar dem Holland ihres Wohnorts, sie bewegt sich in Gefilden, die in Gefühlen von Tages- und Jahreszeiten ihre Heimat haben. April nennt sie ihr Album, ihr zweites Erstes, nachdem 1997 ihr Debüt I Am Rose bei einem kleinen Schweizer Label durchs Aufmerksamkeitsraster fiel. "Love is a deeper season / than reason

/ my sweet one / (and april's where we're)" schreibt der amerikanische Poet Edward Estlin Cummings (1894-1962) in dem Gedicht Yes is a pleasant country, und Susanne Abbuehl nimmt das "Jahreszeiten-Syndrom", um es ins jazznahe Kunstlied zu überführen. Sie verbindet Texte von e. e. cummings mit eigenen Kompositionen, schreibt eigene Texte zu Kompositionen von Carla Bley, besingt textlos eine Melodie ihres indischen Gesangslehrers Prabha Atre und wählt als einzigen Rückgriff auf das Erbe der Standards Thelonious Monks Round Midnight. Die Gemeinsamkeit dieser eigenartigen Verknüpfung: ein Gefühl von Zartheit, Staunen und ein wenig Zögern. Oder wie e. e. cummings schreibt: "Frühling ist wie eine vielleicht / hand in einem fenster / (die vorsichtig hin / und her bewegt Neues und / Altes, während / leute starren vorsichtig / bewegt einen vielleicht / bruchteil blume hierher stellt / einen fingerbreit luft dorthin) und // ohne etwas zu zerbrechen."

"Poempictures" nannte e. e. cummings seine Gedichte, "musicpictures" sind die Lieder von Susanne Abbuehl, die in Los Angeles zu singen begann, im Royal Conservatory of the Hague in Europa Jazz und klassischen Gesang studierte, die schwarze Sängerin Jeanne Lee traf und fortan von jenem Ziel getragen war, das bei Jazzsängerinnen so selten ist: den Liedern den Raum zu geben, der den Wörtern Luft lässt. Ohne Angst, dass irgendein Idiot dazwischenquatscht. Ohne dieses Gefühl, das sich bei so vielen Jazzsängerinnen einstellt: Sie singen, als hätten sie irgendwo gelesen, das sie Jazz singen sollten. Selbst wenn Susanne Abbuehl die Stimme hebt oder eine Schicht Lautstärke aufträgt, bleibt sie "in Kontrolle", bewegt sie sich in jenem Zwischenreich aus Jazz, Klassik und weltmusikalischem Gestus, das Wörter mehr als Klänge versteht denn als Tonträger begreift, um davon abzuheben.