Es ist eine böse Zeit. Das Geschrei der Feinde im Heiligen Land übertönt die Weihnachtsbotschaft. Kein Friede auf Erden und den Menschen kein Wohlgefallen. Keine Freude, die allem Volke widerfährt.

In Deutschland ist der Einzelhandel mit dem Weihnachtsgeschäft zufrieden. Gefragt sind in den Musikläden Weihnachtskantaten, die kleinen ästhetischen Wunder Bachscher Fugen, lauter akustische Erinnerungen an verlorene Glaubensfestigkeiten. In den Filmpalästen stillen Harry Potter und Der Herr der Ringe das Sehnen der Kinder nach bezaubernden Wundern inmitten der entzauberten elektronischen Spielzeugwelt. Und die undurchdringliche Kosmologie des Astrophysikers Stephen Hawking erweist sich als Weihnachtsbestseller: Nummer eins für die zeitgenössischen Sinnsucher.

Der Verlust der Vergangenheit

Nur an den Gottessohn und Erlöser Jesus Christus glauben im dritten Millennium nach seiner Geburt immer weniger. Jedes Jahr verlassen 100 000 Deutsche ihre Kirchen, ein Drittel aller Bürger ist bereits konfessionslos. Für viele Kirchentreue, zumal die "Gebildeten" unter ihnen, ist Gott gesichtslos geworden, ist nicht mehr ein persönliches Gegenüber im Gebet, sondern, Umfragen bestätigen es, "passiver Zuschauer", eine abstrakte Kraft. Mehr nicht.

"Gegenwartsfroh" sollen sich die Kirchen trotzdem geben, fordert die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen. Das können sie angesichts ihres ungeheuren Vermögens von Hunderten Milliarden Mark ja auch sein; ansonsten aber ist ihr Traditionsabbruch jenseits der großen Feiertage unübersehbar. Nicht ihre Gegenwart, ihre Vergangenheit war ihre Stärke. Sie ist dahin.

Deutschland ist fast entchristlicht und doch voller Glaubenswillen - aber ohne erkennbares Ziel. Ecclesia triumphans wirkt bar ihrer alten Mysterien wie ein Opfer der eigenen, aufgeklärt-kritischen Theologie.

Noch furchtbarer gescheitert als die Kirchen sind allerdings die politischen Ersatzreligionen des 20. Jahrhunderts, Kommunismus und Faschismus. Ihr gemeinsamer Nenner, der organisierte Massenaufstand gegen die Willkür der Geschichte, entfaltete sich als nackter politischer Terror. Das Mitläufertum der Kirchen im Dritten Reich sollte sich als ihre historisch größte Niederlage erweisen. Aus der verzweifelten Frage, wo Gott in Auschwitz war, konnte noch verzweifelter Glauben erwachsen. Wo hingegen die staatsnahen deutschen Kirchen waren, ist bekannter als das Bekennertum ihrer wenigen Märtyrer in jenen Jahren.

Was aber machen die Schäflein ohne pastorale Hirten? Jahrelang suchten sie im Supermarkt der religiösen Gefühle nach frischen Glaubensinhalten. Es gab immer wieder neue Angebote. Verflogen ist inzwischen die Anziehungskraft der spirituellen New-Age-Bewegung der achtziger Jahre mit ihrem antitechnologischen Kammerton. Die Jesusfreaks unserer Tage (siehe Dossier, Seite 11) versuchen sich im freien Fundamentalismus - ohne Amtskirche.

All den Aufbrüchen nach innen - bis hin zur apokalyptisch geprägten deutschen Ökologie - war das Bedürfnis gemein, inmitten der verweltlichten Gesellschaft einen transzendenten Seinsgrund zu suchen, und sei es die heilige "Natur". Aus ihm sollte ein Sinn des Lebens jenseits der politisch-säkularen Ordnung fließen, zumal diese Ordnung im Schatten drohender nuklearer Weltvernichtung stand.

In der Säkularisierung, der antireligiösen Rückführung aller Lebenszusammenhänge auf rational überprüfbare, logische Organisationsformen, verbarg sich von Anfang an ein Restbestand an religiösem Zweifel. Er steigt immer neu auf - aus der Sorge und der Furcht des Einzelnen angesichts des Skandals seiner eigenen Sterblichkeit: "Das soll alles gewesen sein? Was war der Sinn? Was kommt nach dem Tod?"

Der homo religiosus, so stellte sich trotz der Kirchenkrisen heraus, ist aus dem hochfahrenden "Projekt Moderne" nicht wegzudenken, je ungerechter und globaler es sich entfaltete. Religiöses Urvertrauen überwintert unzerstörbar in einer deistischen Minimalreligion.

"Heilig" sind den Deutschen ansonsten die persönliche Freiheit (81 Prozent), das Weihnachtsfest in der Familie (70 Prozent), der Urlaub (35 Prozent), aber die Heiligkeit des Neuen Testaments und des Kruzifixes erkennen nur noch 20 Prozent an. Die ernüchternden Umfrageergebnisse belegen lediglich, dass die religiöse Semantik der Volkskirchen, ihre Bilder und Symbole verblasst sind, nicht jedoch der Menschen "Sinn und Geschmack fürs Unendliche" (Schleiermacher). Er hat bislang alle philosophischen Frageverbote, hat Hohn und Spott überlebt und immer neue Interpreten gefunden.

Zehn Jahre nachdem Sigmund Freud die Religion als "universelle Zwangsneurose" bezeichnet hatte, erschien in Deutschland Rudolf Ottos Buch Das Heilige (1917), und es ist fast ein Jahrhundert später immer noch lieferbar: Gott, in den Schützengräben Flanderns seinerzeit schmerzlich vermisst, wurde als Religionszentrum ersetzt durch eine Gemütskunde des frommen Entzückens und der Scheu vor dem Undurchschaubaren, das "um religiöse Denkmäler, Bauten, Tempel und Kirchen wittert und webt".

Dem populären Werk folgten in endloser Kette die Forschungsberichte westlicher Anthropologen und vergleichender Religionswissenschaftler - gleich theologischen Baedekern führten sie in ferne Mythen, kosmische Symbole von Pazifik-Insulanern oder sumerische Götterkämpfe ein. In den Völkerkundemuseen fanden sich vom indianischen Totempfahl bis zum aztekischen Opfermesser Bruchstücke fremder Religionen wieder, als gälte es zu retten, was wir verloren hatten. C.W. Cerams Weltbestseller Götter, Gräber und Gelehrte erfüllte wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in hundertfacher Auflage die Hoffnungen der Deutschen auf unbesiegte religiöse Restbestände. Das Buch blieb ein beliebtes Konfirmationsgeschenk bis in die sechziger Jahre. Trivialromane über die Halbgötterwelt der Pharaonen raunen noch heute auf Tausenden raschelnden Seiten von den verlorenen Glaubensgewissheiten ägyptischer Prinzessinnen. In den religiösen Erfahrungen außerhalb Europas suchen wir weiter jenes sakrale Erschauern, das viele Menschen in der Eiseskälte der westlichen Zivilisation nicht mehr erfasst.

Die Melancholie der Kardinäle

Jenseits der esoterischen Mystiksehnsüchte ihrer abgefallenen Klientel gehen die christlichen Kirchen in Deutschland treu ihrer angestammten Pflicht nach - der Wahrung moralischer Standards vor den Anfechtungen der Neuzeit. Es waren Rückzugsgefechte in der Gesetzgebung: zum Jugendschutz, zur Abtreibung und jüngst zum modernen Dilemma des Embryonenschutzes angesichts neuer Forschungsmethoden der biogenetischen Medizinwissenschaft. Ihre Diskussionserfahrungen werden die Bischöfe und Kardinäle melancholisch stimmen: Auch die "C"-Parteien haben sich der fortschrittsgebannten Neuzeit angeschlossen.

Mit dem islamistisch inspirierten Terroranschlag vom 11. September sollte schließlich das ungeklärte Verhältnis von Religion zur Gesellschaft als Gesprächsthema erster Ordnung in Deutschland zurückkehren. Gut gemeinte Versuche der Politiker, die muslimischen Massenmörder von New York und Washington zu "säkularisieren", also abzusehen von ihrer religiös indoktrinierten Motivation, erwiesen sich als unnötig. Ein befürchteter Antiislamismus, der sich gegen mehr als drei Millionen Muslime in Deutschland hätte richten können, brach womöglich auch deshalb nicht aus, weil die Bürger ihrer eigenen Religion mehrheitlich indifferent gegenüberstehen.

Nur einer überraschte mit seiner klagenden Zuwendung zu den normativen Leerstellen der säkularisierten Gesellschaft, der Philosoph Jürgen Habermas. Er galt, zu Unrecht, jahrzehntelang als das gute Gewissen intellektueller Transzendenzfeindlichkeit im Lande. Im Gefolge der Attentate entdeckte der Friedenspreisträger dieses Jahres die "post-säkulare Gesellschaft" - ein Stichwort, bei dem sich seine Schüler und Leser die Augen rieben. War es ihm nicht bisher ein Anliegen gewesen, gegen das Monopol der Religion auf unerschütterliche moralische Wahrheiten sein Freiheitsmodell der "diskursiven rationalen Einigungsprozesse", des postmetaphysischen Gesprächs unter Gleichen, zu setzen? Sie hatten ihn womöglich zu flüchtig gelesen. Habermas in einem bereits vor zwei Jahren geführten Gespräch "Über Gott und die Welt": "Das Christentum ist für das normative Selbstverständnis der Moderne ... nicht nur Katalysator gewesen. Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative." Ehe es eine gibt, so lautet die Weihnachtsbotschaft des Philosophen an die Kirchen, mögen sie ihr "eigenes normatives Potential radikaler ausschöpfen" als bisher. Der 70-Jährige hat sich derweil Thomas von Aquin zugewandt: "Dass es einen solchen Fels in der Brandung zerfließender Religiosität heute nicht mehr gibt, ist eben auch eine Tatsache. In der einebnenden Mediengesellschaft verliert alles seinen Ernst, vielleicht auch das institutionalisierte Christentum selbst?"

Auch dieses Weihnachtsfest wird vorübergehen. Die Pakete sind bald ausgepackt, wer hat uns dieses oder jenes geschenkt? Schon vergessen. "Siehe, das sind die Gottlosen; die sind glücklich in der Welt und werden reich", klagt der 73. Psalm - und findet den Trost in Gott: "Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde." Die Suche hört nicht auf.