Als Krieger hat Ariel Scharon brilliert, als Philosoph und Logiker hat er noch nicht reüssiert. Für den israelischen Premier ist Palästinenserpräsident Jassir Arafat "nicht mehr existent". Das wirft interessante ontologische Fragen auf. Wenn Arafat nicht mehr existiert, warum umzingeln dann israelische Panzer seinen Amtssitz in Ramallah und stellen den Gänsefüßchen-Mann dergestalt unter Hausarrest? Wenn Arafat unwirklich ist, warum zerschießen die Israelis seine Hubschrauber? Wie kann einer "irrelevant" sein, der doch bloß ein Produkt der Fantasie ist?

Derlei metaphysische Kapriolen haben politische Konsequenzen. Es ergibt schlichtweg keinen Sinn, ausgerechnet den Macht- und Militärapparat Arafats zu dezimieren, um im selben Atemzug dessen Einsatz gegen die Terrorgruppen einzufordern. Wie kann Scharon die Palästinenserbehörde als "terrorunterstützendes Gebilde" abstempeln und sie gleichzeitig in den Kriegsdienst gegen den Terror à la Hamas und Dschihad pressen?

Zum Wochenbeginn schien die Logik hinter dieser Unlogik aufzugehen. Arafat steht erneut mit dem Rücken zur Wand - und dies nicht zum ersten Mal in seiner Karriere, in der er regelmäßig die eigene Macht über- und den Ingrimm seiner Feinde unterschätzt hat. Er hat Jordanien kapern wollen - und wurde 1970 nach einem grausamen Krieg von König Hussein nach Beirut vertrieben. Dort wollte er sich den Libanon unterwerfen; der Preis war 1982 das tunesische Exil. Jetzt zog er die vorläufig letzte Karte: den taktischen Kniefall vor der israelischen Armee, die ihn praktisch zum Jassir Ohneland gemacht hat.

Von seinem Volk fordert er nun die "umfassende Beendigung aller bewaffneten Aktivitäten" - insbesondere der "Selbstmordattacken, die wir stets verurteilt haben". Ob dieser Ruf der Verzweiflung erhört wird? Zwar ist dieser ewige Taktierer, der als Vater eines palästinensischen Staates in die Geschichte eingehen will, nicht ganz unschuldig an seinem Schicksal, aber wie soll ein Gedemütigter die Kraft aufbringen, die Todfeinde im eigenen Lager zu bändigen? Die "Logik" von Hamas und Dschihad läuft in die entgegengesetzte Richtung. Die flüstert den mörderischen Gotteskriegern ein: "Geben wir Arafat den Todesstoß, indem wir mit noch mehr Terror Israels totalen Krieg gegen den Kompromissler provozieren." Die Situation könnte absurder und giftiger nicht sein: Hamas und Dschihad positionieren sich als Scharons Verbündete im Endkampf gegen Arafat.

Die Folge wäre die Wiederbesetzung der Palästinensergebiete, der Dauerkrieg im Untergrund, der den Israelis die Sicherheit, den Palästinensern den Staat verwehrt. Terror und Chaos blieben die Sieger. Es sei denn, dass nach Arafat die eiskalten Realisten unter den Palästinensern die Macht übernehmen - militärische Führer wie Dschibril Radschub, Mohammed Dachlan oder Marwan Barghouti, die im tagtäglichen Kampf gelernt haben, die Israelis nicht zu unterschätzen.

Doch wäre Scharons Problem so nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Professionelle Handwerker der Gewalt, wären diese Männer (allesamt übrigens Arafat-Loyalisten) zwar imstande, Hamas und Dschihad auszuschalten. Aber was dann? Palästina als Protektorat und Kolonie? Das will nach wie vor die Mehrheit der Israelis nicht, sei's aus moralischen oder realpolitischen Gründen. Und die Palästinenser werden weiterkämpfen - weil ihre Situation unerträglich ist, weil sie das gleiche Recht auf einen Staat haben wie die Israelis.

Daraus folgt, dass Scharon sich nicht als ungewollter Kumpan von Hamas und Dschihad hergeben darf, dass er Arafat oder seinen Nachfolgern nicht nur Panzer, sondern auch Perspektiven zeigen muss. Zwar hat er bislang nur als Soldat geglänzt, aber auch er will ebenso wenig wie Arafat bloß als Verwalter der Gewalt in die Geschichte eingehen. Ein Vorbild hätte er: den Kriegshelden und Hardliner Jitzhak Rabin, der Arafat 1993 im Rosengarten des Weißen Hauses die Hand reichte. Er tat's widerwillig, aber er tat's.