Peetersschool" steht in großen Buchstaben an der Fassade des gediegenen Ziegelbaus. Aber das kann Francis noch nicht lesen. Wenn sie durch die Tür geht, findet sie links einen Spielsaal mit Klettergerüst und rechts ein großes, helles Zimmer. Aufregend. Francis lässt Mutters Hand los und hopst über die Schwelle. Was es da nicht alles zu entdecken gibt: ein Puppenhaus, eine Malwerkstatt mit Farben, Pinseln und Papier, eine Computerecke, ein Bilderbücherregal und 20 andere kleine Jungen und Mädchen. Gestern hat Francis noch im Kindergarten ihren vierten Geburtstag gefeiert, heute ist sie die neue Schülerin der Basisschule. Ein großer Schritt, ein gleitender Übergang, so wie ihn fast alle Vierjährigen seit 1985 in den Niederlanden erleben.

Damals, vor der Reform, stand das pure Lernen der Schüler - Lesen, Schreiben, Rechnen - im Mittelpunkt des Unterrichts und vorn im Klassenraum ein Lehrer, der den gleichen Lehrstoff im gleichen Tempo für alle vermittelte. Zu langsam für die Begabten, zu schnell für die Schwächeren, langweilig für alle. Kein Wunder, dass 30 Prozent der Grundschüler eine Klasse wiederholen mussten.

"Aufstehen gegen Sitzenbleiben" hieß die Parole der Erneuerer, die den Unterricht aus seiner kopflastigen Einseitigkeit befreien wollten. Da sich herausstellte, dass sogar Erstklässler das Klassenziel verfehlten, nahmen die Reformer auch die Qualität der Kindergärten in den Blick - und die Zeit des Wechsels vom Kindergarten zur Grundschule. Dass die Schulpflicht beginnen muss, wenn ein Kind sechs Jahre alt ist, ist psychologisch nicht begründbar, sondern bloß Tradition, argumentierten die holländischen Pädagogen. Schulreife Fünfjährige hätten nichts im Kindergarten zu suchen, unreife würden wiederum weder gefördert noch herausgefordert. Seit 15 Jahren beginnt die Schulpflicht in Holland mit dem fünften Lebensjahr; wenn sie wollen, können Eltern ihre Kinder auch am Tag nach dem vierten Geburtstag in die Schule schicken. Und das wollen inzwischen fast alle. Seitdem ist die Einschulung nach Klassen vorbei, der erste Schultag findet in Holland täglich statt, und die Erfahrung zeigt: Die Neuankömmlinge passen sich schneller an und werden leichter integriert. 8100 Kindergärten und 8700 Grundschulen wurden damals zu rund 7000 Basisschulen zusammengelegt; Lehrer und Lehrerinnen lernten um; und Schüler und Schülerinnen lernen seitdem anders.

In der Peetersschool in Amsterdam hat Francis die junge Lehrerin Jennifer kennen gelernt. "Juf", nennen die Kinder sie, Fräulein. Juf erklärt, dass die Kinder von Gruppe eins und zwei, die Vier- und Fünfjährigen also, zusammen unterrichtet werden. Erfahrene Fünfjährige sind stolz, wenn sie Vierjährigen zeigen können, wie die Schnürsenkel gebunden werden oder wie der Computer funktioniert. Teamwork für Anfänger.

Juf bittet die Kinder, 20 kleine Stühle im Kreis aufzustellen. Erzählen und Zuhören wird geübt; Vorlesen und Nacherzählen. Schwierige Wörter werden erklärt, Synonyme gesucht. Etwa 20 Minuten sind die Kinder aufmerksam dabei. Sitzen still, melden sich, wenn sie etwas sagen wollen - keine geringe Leistung für das zappelige Völkchen. Anschließend wählen die Youngsters, was sie als Nächstes tun wollen. Malen? Bauen? Buchstabenspiele am Computer?

"Leistungsterror für die Kleinsten", so hört man es schon östlich der holländischen Grenze rufen, "lasst die Vierjährigen doch spielen!" Doch vom Ernst des Lebens, von Tränen bei der Trennung von den Eltern, von Disziplin und ordentlichen Pultreihen ist in dieser Basisschule nichts zu sehen. Die Schule bietet Raum für Spiel und Arbeit, Ruhe und Bewegung, für Gefühl und Verstand. Juf hat Zeit, sich den Gruppen zu widmen, die sich ihre Aktivität nun selbst ausgesucht haben. Selbstständig zu wählen hilft selbstständig zu lernen. So wird, sagt der Rektor der Peetersschool, der Übergang vom Spiel zur Arbeit ganz natürlich. "Wenn ein Kind von sich aus lesen lernen will, unterstützen wir das. Will ein Kind noch mit Puppen spielen, unterstützen wir das auch. Jedes Kind hat im Klassenzimmer seine eigene Schublade im Spielschrank, und darin stehen die (Lern-)Spiele, die dem Niveau des Kindes entsprechen." Es sind kleine Schritte, die jeden Tag gelenkt und geübt werden - von 8.30 Uhr bis 15.15 Uhr. In der Mittagspause essen die Kinder im Klassenzimmer, toben im Schulgarten und sind dann wieder munter für die letzten zwei Stunden. Onno, sechs Jahre alt, Schüler der Gruppe drei, liest ein Märchen vor. Schreiben kann er auch schon und Flugzeuge bauen, und wer es will, dem wird er zeigen, wie er einen Ball so hoch in den Himmel wirft, dass er nicht mehr runterfällt.

Sitzenbleiben nicht vorgesehen