Seit einer Stunde leidet er an extremem Brustschmerz", sagt Renate Buecks und zeigt auf den Patienten Angermeier. Wie blass er ist! "Angina Pectoris", vermutet die Medizinstudentin. Angermeier schweigt, blickt starr geradeaus, zeigt keine Reaktion. Im Klinikalltag alarmierend, auf dem Computerbildschirm zunächst wenig Besorgnis erregend: Herr Angermeier ist kein Patient aus Fleisch und Blut. Seine Beschwerden sind virtuell, zusammengestellt für die medizinische Lernsoftware Casus.

Rund 100 Fälle aus den Fachgebieten Innere Medizin, Neurologie, Kinderheilkunde, Psychiatrie und Chirurgie befinden sich gegenwärtig in der Datenbank Casus - interaktive Patienten- und Krankengeschichten, an denen Medizinstudenten ihr Wissen überprüfen können: Von der Anamnese über die Diagnosefindung bis zur Therapie und Nachsorge. Für spezielle Problemlösungen lassen sich Röntgenbilder oder Herztöne abrufen, Expertenkommentare zu Rate ziehen. "Wir wollen die medizinische Ausbildung praxisnäher und interdisziplinärer gestalten", beschreibt Martin Fischer die Ziele des Projekts, das er 1993 am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München anstieß und heute koordiniert. Der Internist ist überzeugt: "Der virtuelle Patient kann und soll den realen nicht ersetzen, aber er füllt die Lücke zwischen Theorie und der praktischen Ausbildung am Krankenbett."

Zu wenig Zeit am Krankenbett

Renate Buecks steckt mitten in der Diagnose. "Wir nehmen Blut ab, machen ein Not-EKG und die körperliche Untersuchung, bis die Ergebnisse zurück sind", beschließt sie und drückt die Returntaste. "3 von 3 Sortiereinträgen wurden richtig eingeordnet", lobt Casus. - "Läuft besser als bei den Prüfungen", freut sich die Studentin. Im vergangenen Sommersemester hat Renate Buecks bereits erste Testate mithilfe des multimedialen Lernsystems geschrieben. Richtig schwierig seien diese gewesen, erzählt sie. Zwei bis drei Stunden Zeitaufwand pro Fall. "Das fordert einen." Trotz kleinerer Schwächen bei Grafik, Abfragemöglichkeiten und Benutzerführung schätzt Renate Buecks die Vorteile der Software. Die Fälle seien realistisch, bündelten das Wichtigste aus dem medizinischen Alltag - und würden so manche Wissenslücke offenbaren: "Pulsus paradoxus? EKG nach Nehb? Hatte ich beides vergessen", gesteht Renate Buecks und studiert die Erklärungen des virtuellen Experten.

Fallbasiertes Lehren und Lernen gilt in der Medizin als unentbehrlich. Die Approbationsordnung fordert die problemorientierte praktische Ausbildung. Gesundheitspolitiker plädieren für eine bessere Vermittlung von Entscheidungs- und Handlungskompetenz im Medizinstudium. Der Alltag an der Uni sieht allerdings anders aus. Die Studenten kommen zu selten auf die Stationen. Für ungewöhnliche Diagnosen fehlen häufig die geeigneten Kranken. Der Unterricht direkt am Krankenbett wiederum belastet die Patienten, da die ausführliche Unterweisung des medizinischen Nachwuchses länger als die gewöhnliche Visite dauert. Vor allem aber mangelt es an Dozenten. "In der praktischen Ausbildung gibt es zu wenig Ärzte, die sich um die Studierenden kümmern", sagt Sascha Dargel, Arzt im Praktikum an der Psychiatrischen Klinik der LMU. Das Problem soll nun entschärft werden - zumindest auf virtueller Ebene. Die Lösung heißt Caseport. Ein Internet-Portal, das es Medizinstudenten in ganz Deutschland ermöglichen wird, von jedem Computer aus Zugriff auf eine umfassende Datenbank verschiedenster Fallgeschichten und ihrer Lösungsansätze zu haben. Caseport verknüpft die vier bereits existierenden Internet-basierten Trainingssysteme für angehende Mediziner: Campus von der Universität Heidelberg, D3 von der Uni Würzburg, Docs 'n' Drugs aus Ulm und eben das Münchner Programm Casus. An der Entwicklung von Caseport sind außerdem acht weitere medizinische und technische Fakultäten sowie zwei wissenschaftliche Institute beteiligt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das Projekt in den kommenden drei Jahren mit rund drei Millionen Euro. Insgesamt 30 neue Stellen sollen für Caseport an den beteiligten Universitäten geschaffen werden.

Gehen alle Pläne auf, könnte Caseport ab dem Frühjahr 2004 ein wesentliches Instrument für die praktische Ausbildung von Medizinstudenten in ganz Deutschland sein - und zwar auf hohem Niveau. "Die Partneruniversitäten sollen mit dem Portal verbindliche Qualitätsstandards in der Lehre entwickeln und diese wechselseitig überprüfen", sagt Martin Fischer von der Münchner Universität, der die Federführung des Projektes übernommen hat. In einem "Review Process" wird Kritik geübt. Ärzte überprüfen die Fälle der Kollegen, die diese für Caseport entwerfen. Kontrolliert wird, ob die Patientengeschichten inhaltlich richtig, vollständig, zeitgemäß und pädagogisch gut aufbereitet sind. Zudem wird ein vom Projekt unabhängiger Dozent als Kontrolleur herangezogen. Kein Fall kann ohne Überprüfung im System veröffentlicht werden.

Kaum Interesse bei den Dozenten