Meldungen über Unternehmenszusammenschlüsse sind schon fast so alltäglich wie der Wetterbericht. Fusionen scheinen oft die einzige Antwort der Unternehmen auf die Herausforderungen der Globalisierung und der Marktliberalisierung zu sein. Auch in Deutschland ist der Trend zu größeren Unternehmenseinheiten ungebrochen, und dies nicht nur in der Stromwirtschaft, sondern ebenso in der Mineralöl- und Gasversorgung. Jüngstes Beispiel sind die beabsichtigten Zusammenschlüsse von Shell/DEA und BP/Veba Öl (Aral) in der Mineralölwirtschaft, von VEAG, BEWAG und HEW in der Stromwirtschaft und der geplante Erwerb der Mehrheit von E.on an Ruhrgas.

Durch den Zusammenschluss von Unternehmen lassen sich zweifellos etliche Kosten reduzieren. Gleichzeitig erhöht sich jedoch die Marktmacht des fusionierten Unternehmens: Ein unliebsamer Konkurrent wird auf diese Weise elegant ausgeschaltet. Shell/DEA einerseits und BP/Veba Öl andererseits würden mehr als zwei Drittel des Kraftstoffmarktes kontrollieren, auch wenn die bei den Verbrauchern bekannten Marken erhalten blieben. Einen ähnlichen Eindruck hat offenbar auch das Bundeskartellamt. Sollten die Fusionen die Wettbewerbsbedingungen erheblich verschlechtern, müsste das Kartellamt die Genehmigung verweigern - es sei denn, auf anderen Märkten käme es gleichzeitig zu einer Verbesserung des Wettbewerbs. Dies wäre entweder der Strom- oder der Gasmarkt.

Auf dem Strommarkt hat jedoch seit der Verabschiedung des Energiewirtschaftsgesetzes im April 1998 die Konzentration deutlich zugenommen. Allein auf RWE und E.on entfällt inzwischen mehr als die Hälfte der Erzeugung, bei einzelnen Brennstoffen (Kernenergie, Braunkohle) ist der Anteil noch größer. Da Kernenergie und Braunkohle aufgrund der niedrigen variablen Kosten im Dauerbetrieb eingesetzt werden, beherrschen diese beiden Unternehmen die Grundlast mit mehr als 60 Prozent. Ähnliche Konzentrationsgrade gelten für das Transportnetz. Zwar nimmt durch die Übernahme der BEWAG durch Vattenfall die vierte Kraft im deutschen Strommarkt Gestalt an. Ob damit aber die Voraussetzungen für einen funktionierenden Wettbewerb erfüllt sind, ist aufgrund der Belastungen der VEAG mit überdurchschnittlich hohen Kapitalkosten nicht selbstverständlich. Zudem ist die VEAG mit Regional- und Kommunalversorgern nur über Lieferverträge verbunden, während zwischen den übrigen Verbundunternehmen und den Regional- und Kommunalversorgern auch vielfältige Kapitalverflechtungen bestehen, die die freie Wahl des Lieferanten erheblich einschränken.

Während 1997 die beiden größten Unternehmen (RWE und PreussenElektra) weniger als die Hälfte (45,5 Prozent) der Abgabe von Regional- und Kommunalversorgern kontrollierten, sind dies Mitte des Jahres 2000 knapp drei Viertel (73,1 Prozent). Neben Neuerwerbungen oder Kapitalaufstockungen sind hierfür auch die über die Thüga hinzugewonnenen, indirekten Beteiligungen verantwortlich. Diese marktbeherrschende Stellung wird sich durch den Zusammenschluss von VEAG, HEW und BEWAG kaum noch korrigieren lassen. Denn die mittelbare Abgabe dieser drei Unternehmen erreicht mit 7,5 Terawattstunden (TWh) nur einen Bruchteil der Summe, die RWE und E.on mit 170,7 TWh auf sich vereinigen.

Auch die Gaswirtschaft blieb von Konzentrationsprozessen nicht verschont. Durch die Übernahme des 25-Prozent-Anteils der Esso AG an der Thyssengas und die Verschmelzung mit der VEW, die gleichzeitig 58,4 Prozent der bislang von Kommunen gehaltenen Anteile an der Westfälischen Ferngas übernommen hat, ist die Gasabgabe der RWE einschließlich aller Beteiligungen auf 180 TWh gestiegen und erreicht damit fast ein Drittel des Gasabsatzes der Ruhrgas AG. Bei E.on konnte allein durch die Verschmelzung der gaswirtschaftlichen Aktivitäten von PreussenElektra und Bayernwerk die Gesamtabgabe auf knapp 150 TWh ausgeweitet werden; die Übernahme der Hein-Gas Hamburger Gaswerke hat den Gasabsatz über die Schwelle von 200 TWh gehievt. Durch den beabsichtigten Erwerb der Gelsenberg AG, die mit über 25 Prozent größter Einzelaktionär der Ruhrgas AG ist, wird der Einfluss von E.on auf die Gaswirtschaft noch erheblich zunehmen; dies gilt erst recht beim Erwerb der Mehrheit.

Damit wächst der Zugriff von E.on auf jenen Brennstoff, der für den zukünftigen Wettbewerb in der Stromerzeugung steigende Bedeutung hat - das Erdgas. Der Bau neuer Erdgaskraftwerke wäre im Extremfall ohne die Zustimmung durch E.on nicht mehr möglich, da der Zugang zu den norwegischen oder russischen Brennstoffmärkten über die Transportleitungen von diesem Unternehmen kontrolliert werden könnte.

Auch wenn die Bescheide des Bundeskartellamtes diesen Entwicklungen Rechnung tragen sollten, so werden sie ein Defizit nicht korrigieren können: die schleppende Umsetzung der wettbewerblichen Öffnung in anderen Mitgliedstaaten der EU. Dabei wäre ein europäischer Binnenmarkt für Energie das wirksamste Mittel, um die gegenwärtigen Konzentrationsprozesse wettbewerbspolitisch zu entschärfen.